Zu Fuß zur Hallig Oland
07. September 2026
Wer glaubt, eine Hallig sei wie die andere, irrt. Jedes dieser zehn Fleckchen Land im Wattenmeer von Nordfriesland hat einen eigenen Charakter. Auch unterscheiden sie sich in der Größe und Anzahl der Menschen, die dort leben. Oland, Langeneß und Gröde gehören zur Kirchengemeinde Langeneß-Nordmarsch. Ihr Pastor Matthias Krämer ist der einzige Pastor Deutschlands, der als Dienstfahrzeug eine Lore hat.
Nach Oland zu gelangen, ist verhältnismäßig leicht. Man geht zu Fuß, einfach über den Meeresboden - zu dieser zauberhaften, nur etwa 2 Quadratkilometer großen Hallig mit einer Warft, der kleinen Kirche, dem Gasthof und dem einzigen reetgedeckten Leuchtturm Deutschlands.

„Wir starten etwa vier Stunden nach der Flut“, sagt Wattführer Walther Petersen-Andresen der Gruppe, überwiegend Feriengäste, der ich mich angeschlossen habe. Von Dagebüll aus sind es etwa 6 Kilometer, der Weg führt in einem leichten Bogen durchs Watt. Es ist hier angenehm sandig und fest, ohne Muschelbänke und tiefe Priele.
Dennoch: Gut zu Fuß sollte man sein und sich nicht daran stören, dass bei etwas erhöhtem Wasserspiegel die Füße dauerhaft etwa knöcheltief umspült werden – wie ausgerechnet an diesem windigen Tag.

Einmalig, aber bedroht: Lebenswelt Wattenmeer
Mein Blick fällt auf Möwen, die auf den Wellen schaukeln. Da sollen wir wirklich schon rein? „Heute warten wir noch etwas“, beruhigt uns der Wattführer. Er ist promovierter Biologe und bevor es los geht, weiht er uns in das faszinierende Leben im Watt und in der Halligwelt ein. Eindrücklich schildert er die Bedrohung durch steigende Meeresspiegel. Nach kurzer Zeit stehen die Möwen tatsächlich auf dem Watt. Los geht es!
Faszinierende Tierwelt auf und unter dem Meer
Wir erfahren, dass ein Wattwurm Blut ähnlich wie Menschen besitzt und so viel Sauerstoff darin speichern kann, dass menschliche Organe vor einer Transplantation darin gelagert werden. Wir schmunzeln darüber, dass es unter den Strandkrabben Linkshänder gibt. Und staunen über die faszinierenden Pfuhlschnepfen. Diese Zugvögel können nonstop von Alaska nach Australien fliegen, rasten aber ab und zu auch in „unserer“ Halligwelt.
Wattwanderungen zur Hallig Oland oder Hallig Gröde zum Bespiel: www.wattwanderung.eu
Nach Langeneß geht es mit der Fähre: langeness.de/aktuelles/schiffsabfahrten
Nach Gröde fährt auch die MS Seeadler ab Schlüttsiel: www.seeadler-hooge.de
Walther Petersen-Andresen erzählt spannend, die Zeit geht schnell rum. Allerdings sind wir später gestartet als geplant und auf Oland wartet Pastor Matthias Krämer auf mich. Wie alle „Halliglüüd“ hat er den Wasserstand immer im Blick und rechnet damit, dass ich mich verspäte. Trotzdem laufe ich vor. „Bitte nicht direkt auf die Warft zu, an Land geht es über die Treppe bei der Infotafel“, erklärt mir der Wattführer.
Mir wird wieder einmal klar, warum es wichtig ist, nicht alleine durchs Watt zu laufen: Man muss die Landmarken unbedingt kennen, um sich zu orientieren. Sonst wird es gefährlich. Dort, wo ich jetzt gehe, steht nur ein paar Stunden später meterhohes Wasser.
Auf Schienen von Kirche zu Kirche
Zwischen dem reetgedeckten Leuchtturm und der Kirche wartet Matthias Krämer auf mich. Er wohnt mit seiner Frau auf Langeneß und ist mit seinem Dienstfahrzeug angereist, einer offenen Lore. Mit ihr ist er auf dem Damm zwischen Langeneß, Oland und dem Festland gezeitenunabhängig mobil. „Ich habe immer zwei Schraubenschlüssel in der Tasche, um Muttern nachzuziehen“ sagt er schmunzelnd. Die lösen sich bei dem Gerüttel auf dem Damm dauernd.“

Matthias Krämer ist seit 1994 der „Halligpastor“ – seine erste Stelle nach dem Vikariat und wohl auch seine letzte. „In fünf Jahren gehe ich in Ruhestand. Seit die Gemeinde Langeneß 1666 gegründet wurde, war kein Pastor länger hier als ich“, sagt er.
Qi-Gong vor der Kirche
Ich finde es spannend, was er von seiner Pfarrstelle erzählt. Solch einen Job hat wirklich kein anderer Pastor. 80 Mitglieder gehören zu seiner Gemeinde, verteilt auf drei Halligen: Neben Oland noch Langeneß und Gröde.
Um einmal im Monat einen Gottesdienst auf Gröde zu feiern, tuckert Matthias Krämer meist mit der Lore von Langeneß über Oland zum Festland, steigt in sein Auto, fährt zum Schiff in Schlüttsiel und lässt sich übersetzen. Regelmäßig bietet er dort auch eine halbe Stunde Qi Gong an. „Das kommt gut an. Gäste, die es aus den Vorjahren kenne, fragen schon danach.“
Für manche ein Traum: Hallig-Hochzeit
Zu den Gottesdiensten auf Langeneß mit etwa 100 Bewohnern und Bewohnerinnen kommen natürlich mehr Menschen als auf Oland und Gröde. „Da singen schon mal 20 Leute kräftig mit,“ erzählt er. Etwa viermal im Jahr traut er in der hellen, freundlichen Kirche Brautpaare, die sich eine Hallighochzeit wünschen. Auf Langeneß findet auch regelmäßig der Schlager-Gottesdienst statt, veranstaltet vom Singkreis, den er leitet.

Inzwischen sind wir über den Friedhof in die kleine Kirche von Oland gelangt. Der Rest der Gruppe stärkt sich noch im Gasthof nebenan, bevor sie über die Hallig mit dem eingezäunten Fething, dem typischen Wasserspeicherbecken, und den etwa 15 Gebäuden geführt werden.
Pastor Krämer zeigt mir die Kirche: Den romanischen Taufstein, die Deckenmalerei, die Kanzel, die mittig im Altarraum steht. Von der Decke hängt ein Votivschiff. Diese Schiffe sind ein Symbol für Seeleute, die auf dem Meer unterwegs sind und Schutz und vielleicht ein Gebet benötigen. Bei einigen seiner Gottesdienste ist der Pastor übrigens gleichzeitig Organist und wechselt mehrfach vom Altarraum zur Orgel und zurück.

Ruhe und Weitblick
Um auf einer Hallig zu leben und zu arbeiten, braucht es Flexibilität und Improvisation, das verstehe ich immer besser. Alle hier müssen sich mit dem langen Weg zum Festland arrangieren, mit Nachbarn auf engem Raum, wenig Freizeitangeboten, den Kräften es Meeres und der Notwendigkeit, sich ständig nach Ebbe und Flut zu richten.
Das müssen wir jetzt auch. Walter Petersen-Andresen hat die Gruppe zusammengerufen, damit wir vor der Flut sicher zurück zum Festland kommen. Ich verabschiede mich von Pastor Krämer, der sofort mit ein paar Feriengästen ins Gespräch kommt. Für den Weg zurück durchs Watt orientieren wir uns an Windrädern, bis der Deich von Dagebüll zu erkennen ist.
Ich habe Ruhe und Zeit, über die Eindrücke auf Hallig Oland nachzudenken. Dauerhaft dort leben - das wäre nichts für mich. Fasziniert bin ich von der Halligwelt aber unbedingt. Je häufiger ich eine besuche, desto mehr.

