Pilgern

"Demut vor der Größe der Schöpfung und den Naturgewalten": Pilgern durch das Wattenmeer

Das Christian Jensen Kolleg bietet regelmäßig die Möglichkeit eine geführte Pilgertour durch das Watt zu buchen.
Das Christian Jensen Kolleg bietet regelmäßig die Möglichkeit eine geführte Pilgertour durch das Watt zu buchen. © Julia-Maria Hermann, Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde

14. August 2026 von Claudia Ebeling

Ebbe - Flut - Ebbe und wieder Flut: Das tägliche Naturschauspiel an der Nordsee-Küste beeindruckt die Menschen seit jeher. An manchen Tagen ist das stetige Steigen und Sinken des Meeresspiegels einfach nur beeindruckend. An anderen Tagen im Jahr ruft diese Kraft der Natur auch Furcht hervor: Sturmfluten, drängende Wassermassen, Zerstörung. Bei einer geführten Pilgertour durch das Watt lernen wir Achtung und Demut vor der Schönheit und der Gewalt dieser weltweit einmaligen Landschaft.

Geführte Pilgertouren durch das Watt mit Andachten und Impulsen zum Einfluss von Klima und Klimawandel bietet regelmäßig das Christian Jensen Kolleg in Breklum an. 

Breklum in Nordfriesland ist ein guter Ausgangpunkt für eine Pilgerwanderung durch das Watt. In dem kleinen Ort steht eine rote Backsteinkirche aus dem Jahr 1087 - eine ganz ähnliche Kirche ist wenige Kilometer weiter westlich 200 Jahre später untergegangen, verschwunden im Wattenmeer. Es ist die Kirche von Rungholt. Schon im 14. Jahrhundert lebten die Menschen hier mit der Naturgewalt des Meeres. 

Ankommen und Innehalten in der Breklumer Kirche - so können sich Pilgernde einstimmen auf eine Tour. Wer eine geführte Wanderung gebucht hat, könnte dann auf Pastorin Anke Fasse treffen. Auch sie startet mit ihren Gruppen gerne in der Breklumer Kirche. 

Die Kirche in Breklum.© Stiftung Orgelklang

Pastorin Fasse leitet das Christian Jensen Kolleg, ein Tagungs- und Bildungszentrum der Nordkirche. Sie schlägt eine Brücke zwischen dem Leben unserer Vorfahren rund um diese und viele weitere Kirchen und Kirchspiele, von denen wohl vierzig im 14. Jahrhundert Opfer der Fluten wurden.

Anke Fasse: "Wir sind hier auf unserem Weg, einem Pilgerweg. Wir sind unseren Vorfahren auf der Spur. Menschen, die hier in der Gegend gelebt haben vor Jahrhunderten. Sie haben für ihren Lebensunterhalt gearbeitet. Sie haben danach gestrebt ihre Lebensmöglichkeiten zu verbessern. Sie haben nach Fortschritt gestrebt – und dabei die Natur genutzt.

Und sie haben schmerzlich gespürt an jenem 16. Januar 1362 bei der großen Sturmflut, dass es Kräfte gibt, die viel größer sind. Die große Mandränke, sie nahm alles mit: Menschenleben, Besitz, Vieh …."

"Jahrhunderte später entdecken Forscher mitten im Wattenmeer Sedimente/Fragmente einer alten Kirche, die damals der Flut zum Opfer fiel. Rungholt.

Alles, was nach der Flut noch stand, wurde systematisch abgetragen und wiederverwendet – Recycling war damals selbstverständlich. Auch wir stehen vor Herausforderungen, streben nach guten und besseren Lebensmöglichkeiten – und spüren eine drohende Flut - die Meeresspiegel steigen, die Deiche werden erhöht. Menschengemachter Klimawandel mit seinen Folgen, weltweit zu spüren, ungerecht verteilt.  Wo ist Gott?"

Blick in die Breklumer Kirche
Im Gegensatz zu vielleicht 40 Kirchen und Kirchspielen im heutigen Nordfriesland ist die Breklumer Kirche noch erhalten und intakt. Rund um die Kirchen spielte sich im 14. Jahrhundert das Leben ab, es gab Häfen, Handel und auch geistliche Zentren.© Julia-Maria Hermann, Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde

Der Klimawandel war auch damals präsent

"Das 14. Jahrhundert war katastrophal", berichtet Dr. Arne Paysen. Der Denkmalschützer erklärt Gruppen auf Anfrage die Parallelen zwischen damals und heute. 

"Damals befand sich Europa im Übergang von einer Warmzeit, in der buchstäblich Milch und Honig flossen, zu einer Kaltzeit - der „kleinen Eiszeit“, und die Menschen durchlebten eine Krise nach der anderen: Auf Missernten folgten Hungersnöte, auf den Hunger folgte die Pest", weiß er.

Faszinierender Meeresboden im Watt
Bei Ebbe gibt das Meer den Boden frei und Pflanzen und Tiere können aus der Nähe betrachtet werden.© Julia-Maria Hermann, Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde

In den entvölkerten Landstrichen an der Küste unterblieb die Deichwartung, die umso wichtiger gewesen wäre, als so viel Land unter Acker genommen und der prähistorische Torf im Boden der Uthlande durch Entwässerung und gezielten Abbau zur Brennstoff- und Salzgewinnung gesackt war. 

"Wir müssen mit der Natur arbeiten und nicht gegen sie"

"Die Parallelen zu heute bestehen darin, dass auch wir jetzt in einer Übergangszeit sind, nur umgekehrt von einem kälteren zu einem wärmeren Klima und dieses Mal in Geschwundigkeit und Ausmaß menschengemacht", erzählt Julia-Maria Hermann. Sie ist Klimaschutzmanagerin im Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde. Dazu und infolgedessen kommen Krisen in Form von Fluchtbewegungen, kriegerischen Verteilungskämpfen und eben auch Pandemien.

Klimaschutz in der Nordkirche: Was unsere Kirche tut, ihre Strategie, Praxisbeispiele, Wissen auf unserem Klimaportal.

Gerade hier in Deutschland könnten wir uns dagegen noch ganz gut wappnen - unsere Belastungen sind vielfach psychisch. "Wir sollten uns dennoch in Demut vor den Kräften der Natur üben und mit ihr, nicht gegen sie, arbeiten", betonen Julia-Maria Hermann und ihr Kollege Oke Dethlefsen aus dem Kirchenkreis Nordfriesland. Wichtig seien Küstenschutz durch Schaffung von Überflutungsräumen, höhere Deichen, aber eben auch Klimaschutz.

Anke Fasse und Nora Steen im Sturm auf dem Deich
Meistens ist es schon auf dem Deich stürmisch: Hier Pastorin Anke Fasse, Theologische Leiterin des Christian Jensen Kollegs in Breklum, und Bischöfin Nora Steen aus dem Sprengel Schleswig und Holstein.© Julia-Maria Hermann, Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde

Rungholt: Ein Zeichen für die Grenzen des Machbaren

Von Breklum aus erreichen Pilgergruppen schnell das Wattenmeer und können mehrere Kilometer in Richtung der versunkenen Kirche laufen. Nicht immer ist es möglich, den Ort zu erreichen, denn Sturm und Hochwasser müssen bedacht werden.

„Rungholt ist mehr als ein Ort der Erinnerung. Die Geschichte der versunkenen Stadt zeigt uns die Grenzen des menschlich Machbaren auf. Wir stehen in Demut vor der Größe der Schöpfung und vor den Naturgewalten. Und es ist an uns, die Schöpfung zu bewahren und für zukünftige Generationen zu erhalten.“ Bischöfin Nora Steen im Juli 2026

Hinweis:

Von Erkundungen auf eigene Faust wird abgeraten. Wer aber nicht warten möchte bis zur nächsten Pilgerwanderung, kann sich mit einer Führerin und ihrem Team auf den Weg ins Rungholter Gebiet begeben: https://www.watt-wandern.de/

Zum Programm des „Kraftortes“ Christian-Jensen-Kolleg geht es hier: https://christianjensenkolleg.de/

Unendliche Weite im Wattenmeer
Bis zum Horizont ist im Watt nichts mehr zu sehen von Menschenwerk außer einigen Warften mit Gebäuden auf den Halligen. © Julia-Maria Hermann, Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde

 

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