Gedenkgottesdienst

Vor 80 Jahren fielen die Bomben auf Anklam: Zeitzeugin erinnert sich

Eva-Maria Schulz erlebte als Kind die Bombardierung von Anklam.
Eva-Maria Schulz erlebte als Kind die Bombardierung von Anklam.© Annette Klinkhardt, Nordkirche

06. Oktober 2023 von Annette Klinkhardt

Am 9. Oktober gedenkt die Kirchengemeinde Anklam des Bombenabwurfs vor 80 Jahren. Um 11:30 Uhr gibt es einen Gottesdienst in der Marienkirche. Bischof Tilman Jeremias predigt. Eva-Maria Schulz war zehn Jahre alt, als am 9. Oktober 1943 mittags die Bomben auf Anklam fielen.

Die Pastorentochter aus Hinterpommern war wie in jeden Ferien bei ihren Großeltern in Ziethen vor den Toren Anklams zu Besuch. Zu DDR-Zeiten wurde sie Diakonieschwester und war später Pastorin der Kirchengemeinde Pinnow (ehemaliger KK Wolgast).

1937 wurde in Nähe des Anklamer Bahnhofs ein Zweigwerk der Warnemünder Arado-Flugzeugwerke eröffnet und bis 1943 erweitert. Damit rückte die Stadt in das Visier der amerikanischen Luftwaffe.

„Wir erlebten unseren letzten Ferientag hier bei meinem Großvater hinter der Kirche. Es war ein sonniger unwahrscheinlich schöner warmer Oktobertag, wie man sie selten hat. Dadurch, dass ich alle Ferientage in Ziethen verbrachte, hatte ich natürlich Freundinnen. Mit Anneliese, der Tochter des Kirchendieners, war ich besonders befreundet. Wir spielten gerade im Schulweg, als sich eine junge Frau zu uns gesellte. Sie hatte hier die Aufsicht über den Erntekindergarten übernommen und kannte sich nicht so gut aus. Da sie mit dem Zug von Anklam nach Hause fahren wollte und schon etwas spät dran war, fragte sie uns, ob wir ihr den Weg durch die Wiesen zeigen könnten.

Das brennende Anklam, fotografiert vom Onkel von Eva-Maria Schulz.
Das brennende Anklam, fotografiert vom Onkel von Eva-Maria Schulz.© Annette Klinkhardt, Nordkirche

Am 9. Oktober 1943 führten die US-Air Force im Rahmen einer Großoffensive Angriffe gegen eine Reihe von deutschen Rüstungsbetrieben durch. Um 11:30 Uhr wurde in Anklam Luftalarm ausgelöst.

Meine Freundin kannte den Weg, und wir haben diese Kindergärtnerin bis zum Pumpenhäuschen gebracht. Wir haben uns verabschiedet. Ich habe diese junge Frau danach niemals wieder gesehen. Auf diesen Wiesen hier liefen die Pferde, und wo Pferde und Wiesen sind, da sind auch Champignons. Nun trugen wir als Mädchen Schürzen und haben die voll Champignons gepackt. Und mit einem Mal gibt es ein Fauchen und da entstehen Geräusche, von denen wir nicht wissen, wie wir die zuordnen sollen, ein furchtbares Krachen. Und auf einmal begreift meine Freundin, da waren ja Flugzeuge, da waren ja Bomber. Wir hatten auch die Sirene gehört. Aber es hat doch keiner daran gedacht, dass hier so ein Angriff kommt. Kein Mensch hat daran gedacht, dass da was passiert. Und dann auch noch mittags um 12. Das war alles so unmöglich, mit dem Verstand nicht zu fassen.

Um 11:42 Uhr erreichte die erste Welle in einer Höhe von 4000 Metern, von Süden aus Richtung Neubrandenburg kommend, mit 57 Bombern Anklam und warf 243 Tonnen an Sprengbomben gezielt auf die Arado-Werke ab.

Anneliese hatte sich sofort alles, was sie nicht tragen musste und was sie hindern würde, abgeworfen. Ich habe krampfhaft meine Schürze zusammengehalten über den Pilzen und habe das alles mit nach Hause gekriegt. Die Flugzeuge waren silbern. Es war ein großer Verband von Kampfflugzeugen und ich habe überhaupt nichts gedacht. Ich habe nur reagiert, indem ich mich Anneliese angeschlossen habe.

In panischer Angst sind wir hier dieses ganze Stück hochgelaufen. Und da kam für mich der eigentliche Zusammenbruch. Denn das Haus war offen, die Küchentür stand offen, die Schultür stand offen, und kein Mensch war da. Und nun habe ich geguckt, gibt es hier einen Krater, haben die Bomben geworfen. Es brannte nichts, aber trotzdem war das ganze Haus leer. Dann sah ich rüber zur Kirche, und da ging mein Vater gerade vorbei. Da habe ich dann die Schürze leergemacht und bin rausgestürzt zu ihm hin und da fand ich dann unsere Familie und noch andere. Mein Vater hatte zu ihnen gesagt, kommt, wir gehen in die Kirche rein und stellen uns dahin, wo die Mauern am dicksten sind. Da standen nun alle, die ich vermisst hatte, die waren plötzlich wieder da. Diese Freude des Wiedersehens, das war das Größte. Man ist ja dann so schnell wieder erleichtert. Diese Angst, allein zu sein nach solchem Bombardement, das ist was Furchtbares, das ist das eigentliche, was ich da erlebt habe, diese Angst auszuhalten.

Wir gingen dann durch den Schulgarten und kamen zu dem Ausguck, wie wir das nannten. Da standen wir nun als Familie und — das passierte bei uns in der Familie sonst nicht, weil wir alle Berufe hatten mit Reden: Es war lautlos. Wir haben fassungslos gestanden vor dieser Wirkung des Bombenangriffs auf die Stadt. Die Bomben brannten aus in den Fassaden der Häuser, das war ein Flammenmeer.

Zeitzeugin Eva-Maria Schulz zeigt Bilder von Anklam vor der Bombardierung.
Zeitzeugin Eva-Maria Schulz zeigt Bilder von Anklam vor der Bombardierung.© Annette Klinkhardt, Anklam

Der zweite Pulk erreichte mit 49 Maschinen wenige Minuten später Anklam und warf seine Bombenfracht, bestehend aus 175 Tonnen Sprengbomben sowie 22 Tonnen Brandbomben, auf die Stadt ab. Da das Ziel, die Arado-Werke, unter der dichten Rauchdecke nicht mehr auszumachen war, wurden die Bomben einfach auf die gesamte darunter befindliche Stadt abgeworfen.

Mein Ziethener Großvater hatte zu meinem Vater gesagt, nimm mein Fahrrad und dachte, dass dieser nicht über die Peenebrücke kommen würde. Das wäre meinem Vater aber egal gewesen, dann wäre er eben durch die Peene geschwommen. In Anklam brachten sie die ersten Toten bereits aus den Häusern, soweit sie da rankamen. Sie fingen schon an, aufzuräumen, das ging ganz schnell, und dann hat sich mein Vater durchgekämpft bis zu meinen Anklamer Großeltern und hat sie tatsächlich im Haus angetroffen. Aber mein Großvater war von dem Augenblick an – verwirrt. Sagte Sachen, die er normalerweise nicht sagte. Großvater war Schuhmachermeister. Er hat den Verstand verloren besonders über den Tod meiner Tante. Ihre Wohnung wurde so getroffen, dass am Giebel ein ganzes Zimmer weggebrochen war. Sie hatte uns an dem Tag eingeladen zum Kaffee, an unserem letzten Ferientag.

Bei dem Angriff kamen fast 400 Menschen ums Leben. Die Leichen wurden zum großen Teil in Massengräbern beigesetzt.

Und als Anklam bombardiert war, da war mein Vater derjenige, der sich darum kümmern musste, dass in Anklam die Toten begraben wurden. In Anklam waren keine Pastoren da, die waren alle an der Front. Dann hat mein Vater gesagt, gut, das Kirchenbüro in der Baustraße war ja noch da, dann nehmen sie alle Beerdigungsanmeldungen an. Dadurch, dass mein Vater Anklamer Kind war, kannte er die Familiennamen und die Familien auch. Und wusste genau, was es bedeutete: ‚Familie Kielmann fünf Mal‘. Mein Vater ist dann hinter dem Sarg hergegangen, hinter dem ersten, und immer weiter. Er hat dann eben pausenlos beerdigt.

Meine Eltern haben nicht erlaubt, dass meine Schwester und ich zur Beerdigung meiner Tante mitgegangen sind. Die haben sich vorgestellt, dass auf dem Friedhof nun ein furchtbares Heulen und Zähneklappern stattfinden würde. Aber stattdessen war es eine vielleicht lähmende, aber große Stille. So haben sie es nachher zu Hause erzählt.

Im August 1944 bombardierte die US-Army zwei weitere Male die Hansestadt. Den größten Schaden aber richtete die deutsche Luftwaffe an, die noch in den letzten Kriegstagen die von Russen besetzte Stadt bombardierte. Insgesamt kamen mehr als 800 Menschen um. Die Anklamer Altstadt wurde fast komplett zerstört.

Ich habe keinen Augenblick irgendeinen Zuspruch oder ein Kümmern um die Situation bei mir empfunden. Was da los war, das war eigentlich selbstverständlich. Wir kannten das von den Nachrichten, wir wussten um die Angriffe auf Dresden, auf Hamburg und Berlin. In der Wohnung in Hinterpommern hatten wir nahezu von Beginn des Kriegs an immer Flüchtlinge.

Eva-Maria Schulz als Diakonieschwester.
Eva-Maria Schulz als Diakonieschwester.© Annette Klinkhardt, Nordkirche

9. Oktober 2013  Genau 70 Jahre nach den ersten Bombenangriffen der US Air Force auf Anklam ist am Mittwoch mit einer gottesdienstlichen Feier in der Marienkirche und einer Kranzniederlegung auf dem Markt an die Zerstörung der vorpommerschen Hansestadt erinnert worden.

Ich war inzwischen erwachsen geworden, hatte mein Leben gelebt. Aber in der Zeit konnten wir solche Feiern nicht halten. Das war, als wäre es nie gewesen, obwohl ich ja die Stätten alle kannte, wo Erinnerung stattfand. Ich bin dahin gegangen, weil ich gedacht habe, deine Eltern haben dich damals nicht mitgenommen zu der Beerdigung von meiner Tante. Da hat mir immer was gefehlt. Es war etwas nicht abgeschlossen. Und ich habe dann es sehr dankbar angenommen, dass Petra Huse diesen Festgottesdienst festlich gestaltet hat.

Auch das kann eine Sprache Gottes sein, dass er einen immer heftiger fragen und verlangen lässt. (Jochen Klepper)

Ich habe nach einem Schluss gesucht. Auch nach einer Bewertung, wie man damit gedanklich umgeht. Es ist immer wieder dasselbe. Vielleicht hat Jochen Klepper (evangelischer Theologe und Dichter bekannter Kirchenlieder, der 1942 den Freitod wählte, Anm. akl) ja Recht, wenn er sich einfach an das hält, was ihm in die Hand gegeben ist durch die Kirche, dass er das ganz ernst nimmt, diese Bibelworte und so ernst nimmt, dass er jedes dieser Bibelworte auf sich bezieht und innerhalb dieser Bibelworte noch eine Verflechtung erkennt. Das ist etwas sehr Großes, aber es ist auch etwas sehr Einengendes. Können wir uns so einengen lassen, dass wir das zum Maßstab für alles machen, für alles Denken?

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