Rechtsextremismus

Widerspruch statt Ohnmachtsfalle – So kann ich Rechtsextremismus im Alltag begegnen

Man muß in einer Demokratie nicht einer Meinung sein, aber man sollte seine eigene Position äußern und rechtsextreme Positionen nicht unwidersprochen stehen lassen.
Man muß in einer Demokratie nicht einer Meinung sein, aber man sollte seine eigene Position äußern und rechtsextreme Positionen nicht unwidersprochen stehen lassen.© stellalevi, iStockphoto

19. Februar 2026 von Julia Krause

Die Sozialpädagogin Saskia Conradi und der Politikwissenschaftler Johannes Marhold vom RBT Lübeck bereiten Menschen darauf vor, rechtsradikalen Narrativen zu widersprechen. Im Interview sagen Sie, worauf es dabei ankommt. 

Wahrscheinlich ist jede*r von uns schon mal über eine Stammtisch-Parole gestolpert. Oft werden diese aber als „lustig“ oder „nicht so ernst gemeint“ abgetan. Wann ist etwas definitiv kein Spaß mehr? 

Johannes Marhold: Dazu muss man sagen: Rechtsextremismus ist ein Phänomen der Mitte der Gesellschaft und ist überall da relevant, wo Menschen auch nur Teile von rechtsextremer Ideologie wiedergeben. Wir werben dafür, in dieser Hinsicht sensibel zu werden und auch schon zu widersprechen, wenn nur einzelne Ideologie-Elemente wiedergegeben werden. Das kann etwa der Fall sein, wenn sozialdarwinistische Einstellungen geteilt werden, zum Beispiel pauschalisierend über Menschen mit Behinderungen oder obdachlose Menschen gesprochen wird. 

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Das kann aber auch in Bezug auf unsere deutsche Geschichte sein. Also etwa, wenn jemand sagt: „Jetzt muss doch mal Schluss sein mit der kritischen Aufarbeitung des historischen Nationalsozialismus.“ Oder: „Man darf doch wohl mal einen Witz über Polen machen.“ Das sind einzelne Schlaglichter, die aber problematisch sind. Denn: Wenn sie unwidersprochen bleiben, fühlen sich die Menschen, die sie geäußert haben, bestätigt. Und das ist dann der Punkt, an dem sie sich weiter radikalisieren können. Deswegen ist es so wichtig, dem etwas entgegenzusetzen. 

Hintergrund

Die Regionalen Beratungsteams (RBT) gegen Rechtsextremismus des AWO Landesverbandes und der Aktion Kinder- und Jugendschutz (AKJS) SH sind in ganz Schleswig-Holstein unterwegs, um Menschen im Themenfeld Rechtsextremismus kostenlos und vertraulich zu beraten und in Bildungsformaten zu sensibilisieren. Finanziert werden sie durch Landes- und Bundesmittel. 


Ihr arbeitet im Landgerichtsbezirk Lübeck, und beratet Menschen dazu, bei rechtsextremen Vorfällen richtig reagieren zu können. Wie genau macht ihr das? 

Saskia Conradi: Beratung heißt vor allen Dingen Menschen in die Lage zu versetzen, selber mit einem Problem umzugehen. Das heißt, wir suchen zusammen nach Strategien, wie man auf etwas reagieren kann. Das kann zum Beispiel ein Argumentationstraining sein. Wir alle kennen wahrscheinlich dieses Überraschungsmoment, in dem man erstmal wie geplättet ist. Wir üben dann: Was kann ich sagen? Dazu muss man sich das jeweilige Setting anschauen und sich fragen: Was sind meine konkreten Ziele? Will ich hier in die Diskussion gehen? Und wenn nicht, wie kann ich mich trotzdem positionieren? 

Johannes Marhold: Der Widerspruch ist an dieser Stelle wichtig, um der Normalisierung von rechtsextremen Positionen etwas entgegenzusetzen. Auch, um anderen ein Vorbild zu sein. Es geht darum, aus einer Ohnmacht herauszukommen. 

Saskia Conradi: Viele Leute sagen nach rechtsextremen Vorfällen: „Ich habe mich so geärgert, dass ich nichts gesagt habe.“ Wir ermutigen, zu sagen, wenn man etwas nicht okay findet. Das muss keine inhaltliche Diskussion werden. Aber es ist wichtig, Dinge nicht so stehenzulassen. 

Wie widerspreche ich denn ruhig, aber nachdrücklich?

Saskia Conradi: Das kommt immer auf den jeweiligen Kontext an. Aber in einem privaten Umfeld wäre eine Möglichkeit, zu sagen: „Ich finde deine Aussage problematisch, weil sie rassistisch ist.“ Damit sagt man nicht, „DU bist rassistisch.“ Aber: „Deine Aussage ist es.“ Das macht einen Unterschied. Denn dann lässt man der Person immer noch Raum, zu sagen: „Okay, ach so, das war mir gar nicht so bewusst.“ 

Stichwort Privatpersonen. Wer ist denn eure hauptsächliche Zielgruppe? 

Johannes Marhold: Wir werden von Privatpersonen aber auch von Bündnissen und Initiativen oder von Schulen angefragt. Unsere Zielgruppe ist die demokratische Zivilgesellschaft, die von sich aus sagt: Wir haben ein Problem mit Rechtsextremismus und wollen etwas dagegen tun. Häufig gibt es einen konkreten Vorfall, zu dem wir beraten. 

Unser Ziel ist es, Menschen in die Lage versetzen, vor Ort in ihren konkreten Settings und Kontexten handlungsfähig zu sein, wenn es zu rechtsextremen Vorfällen kommt. Das können rassistische, antisemitische oder sexistische Vorfälle, sein. Denn sie alle spielen in den großen Themenkomplex Rechtsextremismus mit rein.

Um es ganz konkret zu machen: Wenn mein Nachbar mir bei Bier und Bratwurst beispielsweise erzählt, dass die Jobs von „denen“ weggenommen werden, wie kann ich da reagieren? 

Johannes Marhold: Ein Klassiker ist, es erstmal zu hinterfragen. Also den Ball zurückzuspielen und nachzufragen, was meinst du jetzt eigentlich genau? Und: woher weißt du das? Was sind denn deine Quellen? In diesem Beispiel geht es vielleicht auch darum zu gucken: Wo liegen denn die eigentlichen Probleme? Vielleicht bestehen hier tatsächlich strukturelle Defizite. Man kann da auch empathisch sein. Aber: Es ist wichtig, eine Trennung vorzunehmen. Wo Schuldige gesucht werden, wo es rassistische oder andere menschenfeindliche Zuschreibungen gibt, sollte man das auch benennen.  

Heißt das: Ich sollte nicht gleich frustriert das Handtuch werfen, sondern in den Austausch gehen? 

Saskia Conradi: In dem Beispiel mit dem Nachbarn ist ein Hinterfragen gut möglich, ja. Wenn man eine Person gut kennt, kann man fragen: Wie meinst du das? Wie betrifft dich das? Wenn die Person dann aber gleich das nächste Thema aufmacht, also etwa vom Arbeitsmarkt gleich zum Thema Wohnungsmangel und weiter zur Aussage „meine Frau kann abends alleine nicht mehr joggen gehen“ springt, dann ist offensichtlich: Hier möchte jemand gar nicht in die Diskussion gehen, sondern reiht eine Parole an die nächste. Dann kann man das Gespräch auch beenden. 

Johannes Marhold: Wenn man aber in den Austausch gehen möchte, wäre es wichtig, Bedingungen abzustecken. Also in unserem Beispiel hier zu sagen: Halt, stopp! Lass uns beim Thema Job bleiben. 

Wenn ihr Leute in einem Workshop schult, was ist für euch dann der bestmögliche Ausgang? 

Saskia Conradi: Also ein ganz großes Aha-Erlebnis ist immer da, wenn die Teilnehmer*innen erkennen:  Das primäre Ziel ist nicht, den anderen zu überzeugen. Ich muss mich nicht schlecht fühlen, nur weil die andere Person weiterhin ihre Haltung hat. Jemanden mit einem Gespräch umstimmen zu können, wäre auch eine unrealistische Erwartung. Es geht vielmehr darum, meine Position zu äußern: Ich benenne meine Vorstellung von Gesellschaft. Das ist auch ein Ziel. 

Man muss das auch nicht alleine tun. Wir raten dazu, sich Verbündete zu suchen. Ein Beispiel aus dem privaten Umfeld: Wenn der Onkel oder die Tante zur Familienfeier anreist und man schon im Vorfeld weiß, der oder diejenige wird da rechte Sprüche klopfen, dann sollte man sich mit jemanden zusammentun. Also schon vorher etwa den Partner oder die Cousine ansprechen und sagen: „Ich hab‘ da keinen Bock drauf, komm, wir sagen da jetzt was.“ 

Und wenn es nicht geklappt hat, obwohl ich es mir fest vorgenommen habe? 

Saskia Conradi: Dann kann man auch später noch mal sagen: „Pass mal auf, was du da letztens gesagt hast, das ist mir nicht aus dem Kopf gegangen. Ich habe da nicht viel zu gesagt, weil ich so überrascht war. Aber ehrlich gesagt, finde ich es richtig doof.“ Das ist völlig legitim, da mit ein bisschen Vorbereitung noch einmal nachzulegen. 

Das sind für Privatleute hilfreiche Tipps. Wie sieht es auf institutioneller Ebene aus?  Was müsste sich hier ändern, um rechtsradikalen Tendenzen widersprechen zu können? 

Johannes Marhold: Es geht auch da um eine Positionierung: Also um Leitbilder, damit man im Fall der Fälle sagen kann: Wir sehen hier einen großen Widerspruch zu unserer Wertegebundenheit. Wenn es so etwas auf struktureller Ebene gibt, ist das eine wichtige Ressource. Dann stehen Individuen dem Problem nicht mehr alleine gegenüber.  Wichtig ist in jedem Fall eine diskriminierungssensible Kultur, in der es Räume zum Austausch gibt. Hilfreich sind auch Meldestellen oder Leute, die sich das in ihrer jeweiligen Funktion zum Thema machen. 

Ich danke euch für dieses Gespräch! 

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