Weibliche Genitalverstümmelung

Wie ein jahrtausendealtes Tabu aufgebrochen werden soll

Sie kämpfen gegen weibliche Genitalverstümmelung (v.l.): Gwladys Awo, Projektleiterin von "Change", und Multiplikatorin Marie-Christine Hanne
Sie kämpfen gegen weibliche Genitalverstümmelung (v.l.): Gwladys Awo, Projektleiterin von "Change", und Multiplikatorin Marie-Christine Hanne© Julia Fischer / epd

26. Mai 2015 von Timo Teggatz

Hamburg. Kampf gegen ein grausames Ritual: Seit zwei Jahren bildet das Kinderhilfswerk Plan International in Hamburg Multiplikatoren im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung aus. Sie informieren in den afrikanischen Communities in der Hansestadt über die Risiken. Gefährdet sind auch Frauen und Mädchen in Deutschland.

Keiner redet gern darüber. Wer nicht betroffen ist, möchte sich das auch gar nicht richtig vorstellen und hört lieber weg. Und für die, die betroffen sind, ist es ein Tabu. Darum wird über die Beschneidung von Frauen und Mädchen einfach nicht viel gesprochen. Anders bei Gwladys Awo (39): Die temperamentvolle Sozialpädagogin mit Wurzeln in Benin informiert nicht nur selbst über das schwierige Thema, sondern bringt auch andere dazu. Sie ist Leiterin des Projekts "Change" von Plan International Deutschland: Seit 2013 werden in Hamburg Multiplikatoren ausgebildet, die in ihren afrikanischen Communities vorsichtig über die schwerwiegenden Folgen der Praktik aufklären.

"Das ist für die Multiplikatoren nicht einfach", sagt Awo. Bei Befürwortern der weiblichen Genitalverstümmelung gelten sie schnell als Verräter. "Ihnen wird vorgeworfen, sie würden ihre Kultur kaputt machen." Es sei sogar schon zum Ausschluss einer Multiplikatorin aus ihrer Community in Hamburg gekommen. Das ist eine durchaus schlimme Strafe, denn für viele ist die Gemeinschaft in Deutschland ein Familienersatz.

"Viele Mädchen sterben durch die Prozedur"

Dennoch ist die Arbeit gegen weibliche Genitalverstümmelung wichtig: "Viele der Mädchen sterben durch die Prozedur", sagt Awo. Die Blutungen und Schmerzen seien unvorstellbar. Schwerwiegend sind auch die langfristigen gesundheitlichen und psychologischen Folgen: Sie reichen von chronischen starken Schmerzen, Problemen bei der Menstruation und gefährlichen Komplikationen bei einer Schwangerschaft bis zu psychologischen Traumata und Unfruchtbarkeit. Häufig ist das eigene Körpergefühl ein Leben lang gestört. Oft sind die Langzeitfolgen einer Beschneidung Grund für eine mangelnde Integration der Frauen in Deutschland.

Female Genital Mutilation (FGM) ist eine schädliche traditionelle Praktik gegen die Kinder- und Menschenrechte, definiert Plan International. Weltweit sind schätzungsweise 100 bis 140 Millionen Mädchen und Frauen beschnitten, hauptsächlich in Ländern Afrikas, aber auch in arabischen und asiatischen Ländern. Das EU-Parlament schätzt, dass in Europa bis zu 180.000 Mädchen und junge Frauen dem Risiko einer Beschneidung ausgesetzt sind. Gefährdet sind auch Mädchen in Deutschland – sie werden mitunter während eines längeren Urlaubs im Heimatland der Eltern beschnitten. Deutschland hat 2013 die weibliche Genitalverstümmelung mit Paragraph 226a zur schweren Körperverletzung erklärt.

Nicht nur muslimische Familien lassen ihre Töchter beschneiden, sondern auch christliche. Innerhalb der praktizierenden Gemeinden ist FGM eine tief verwurzelte und anerkannte Tradition. Sie gilt als wichtiger Schritt bei der Sozialisation der Mädchen, der sie auf ein Leben als ehrenhafte Ehefrau vorbereitet. Nicht-beschnittene Frauen werden oft stigmatisiert. Projektleiterin Awo hofft, dass die Informationen über die Gefahren von FGM durch die Multiplikatoren über deren Communities in Deutschland bis in die praktizierenden Gemeinden in Afrika getragen werden.

Projekt "Change" in vier EU-Ländern

Die Multiplikatoren, von Plan auch "Change Agents" genannt, müssen sehr behutsam vorgehen. "Wir wollen nicht reißerisch mit dem Thema umgehen, sondern sachlich", sagt Awo. Man könne bei einer privaten Veranstaltung nicht gleich darauf zu sprechen kommen, sagt Awo. Vorsichtig tasten sich die Change Agents über Themen wie Rassismus, Integration oder Nachhilfe der Kinder heran. Das sei das besondere an "Change", sagt Multiplikatorin Marie-Christine Hanne aus Mali, die seit 35 Jahren in Deutschland lebt: "Wir als Afrikaner verstehen die Probleme unserer Leute besser als ein Deutscher."

"Change" startete als zweijähriges EU-Projekt in Deutschland, England, Schweden und den Niederlanden. In Deutschland wird es von Plan umgesetzt. Als es Ende Januar 2015 auslief, übernahm das Kinderhilfswerk die Finanzierung für ein weiteres Jahr. Insgesamt wurden 13 Männer und Frauen zu Change Agents ausgebildet. Sie kommen aus dem Senegal, aus Mali, Togo, Benin, Gambia und Burkina Faso. Sie treffen sich einmal im Monat zum Austausch und Organisieren von privaten und öffentlichen Veranstaltungen. Sie gehen zu Hochzeiten und Taufen, die in afrikanischen Communities in großem Rahmen gefeiert werden. Außerdem arbeiten sie mit Imamen zusammen und haben eine eigene Sendung im Internetradioprogramm "African Heritage" ins Leben gerufen.

"Helft Kindern aus diesem dunklen Loch"

Unter dem Thema "Frauenrechte sind Menschenrechte" stellten die Multiplikatoren sich und ihre Arbeit Ende April im Hamburger Völkerkundemuseum erstmals vor. Auch eine Betroffene trat vor das Mikrofon. Keiner sah der jungen Frau aus Düsseldorf, die in Gambia geboren wurde, ihre Verletzungen an, doch sie machten ihr das Leben schwer. Jahre später wurden ihre Geschlechtsmerkmale in Deutschland rekonstruiert. "Ich fühle mich frei wie ein Vogel, seit ich operiert wurde", sagt Bayo. Auf der Bühne berichtet sie davon, wie die Operation ihr ganzes Leben veränderte.

Bayo war Patientin bei Dr. Dan mon O'Dey, Chefarzt am Luisenhospital Aachen. Der Halb-Nigerianer ist Plastischer Chirurg und hat als erster Arzt in Deutschland ein Verfahren entwickelt, die weiblichen Geschlechtsmerkmale zu rekonstruieren. Nicht immer sind es Krankheiten, die eine Verstümmelung hervorgerufen haben, sondern oft die rituelle Beschneidung. Seit 2005 operiert er Opfer von FGM. Am Ende ihres Vortrags ruft Bayo betroffene Frauen dazu auf, die Chance der Operation zu nutzen. "Und helft betroffenen Kindern aus diesem dunklen Loch heraus, indem Ihr gegen FGM angeht, es gibt nichts zu verlieren!" Die Change Agents applaudieren.

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