Kirche im Dialog

Wie Kirche mit frischen Ideen neue Zielgruppen erschließt

Junge Menschen gelten bisher als schwierige Zielgruppe. Grundsätzlich sei diese Gruppe jedoch vielseitig interessiert und bereit sich zu engagieren. Über Themen wie Nachhaltigkeit und Klimawandel schafft man eine positive Verbindung zur Kirche, so Soziologe Dennis Bock.
Junge Menschen gelten bisher als schwierige Zielgruppe. Grundsätzlich sei diese Gruppe jedoch vielseitig interessiert und bereit sich zu engagieren. Über Themen wie Nachhaltigkeit und Klimawandel schafft man eine positive Verbindung zur Kirche, so Soziologe Dennis Bock. © Unsplash, Priscilla du Preez

12. Januar 2021 von Julia Krause

Tiergottesdienst, Gin-Tonic-Liturgie und Pop Up Church: Kirche ist vielseitig. Und der Pool an abwechslungsreichen Ideen wächst ständig. Das ist das Prinzip von "Kirche im Dialog", sagt Leiterin Pastorin Emilia Handke. Im Interview erzählt sie zusammen mit Dennis Bock, Soziologe und Teammitglied von Kirche im Dialog, was ihre Arbeit ausmacht.

Wenn Sie jemand auf einer Party fragt, was "Kirche im Dialog" ist, was antworten Sie?

Emilia Handke: Dass es darum geht, wie wir Kirche im 21. Jahrhundert sein können und wollen – Kirche in einem Kontext, in dem Religion und Kirche immer weniger selbstverständlich sind. Vor diesem Kontext verstehen wir uns als ein Mitmach-Netzwerk, das innovative Ideen für eine Kirche der Zukunft zusammenträgt. Konkret nach unseren Projekten gefragt, würde ich zum Beispiel von der Pop Up Church oder der Wohnzimmerkirche erzählen: Wir arbeiten daran, Menschen auf unkomplizierte Art mit Religion und Kirche in Berührung zu bringen, etwa indem wir mit den großen Themen des Lebens auf die Straße gehen oder es uns in einer Kirche mit einer Couch, Getränken und Musik gemütlich machen.

Kirche im Dialog ist ein Grundprinzip und ein Auftrag an uns alle.

Daneben haben wir auch aktuelle Forschungs- und Beratungsthemen. Wir beschäftigen uns mit der säkularen Ritualpraxis, mit Gemeinwesenarbeit und mit jungen Erwachsenen. Kirche im Dialog ist zwar formal ein Werk der Nordkirche aus zwei Personen, inhaltlich aber vor allem ein Grundprinzip von Kirche und damit ein gemeinsamer Auftrag an uns alle auf ganz unterschiedlichen Handlungsfeldern und an unterschiedlichen kirchlichen Orten.

Klimawandel gibt Anlass zur Beteiligung

Thema Nachwuchs: Wie kann es aus Ihrer Sicht gelingen, junge Menschen für Kirche zu interessieren?

Dennis Bock: Indem wir uns noch stärker dafür interessieren, was junge Menschen interessiert! Ja, junge Menschen sind sogenannte Multioptionalisten, sie sind vielseitig interessiert und damit schwer greifbar – insbesondere für Kirche. Zugleich sehen aber fast Dreiviertel junger Menschen die Institution Kirche positiv und sie wollen sich einmischen und sich engagieren. Insbesondere die Megatrends Klimawandel, Nachhaltigkeit sowie Krieg und Frieden beschäftigen sie und geben ihnen Anlass zur Beteiligung. Darin steckt eine Chance für Kirche, denn es sind Themenfelder, die ihr nahe sind. Aufgabe muss es sein, diese Interessen ernst zu nehmen, bestehende Angebote auszubauen und sie auf ihren partizipativen, inkludierenden Charakter hin kritisch zu befragen.

Dennis Bock und Emilia Handke
Dennis Bock und Pastorin Emilia Handke vom Werk "Kirche im Dialog" der Nordkirche.© Thomas Hirsch-Hüffell

Haben Sie ein Leuchtturm-Projekt, auf das Sie besonders stolz sind?

Emilia Handke: Das Projekt, das am stärksten über die Nordkirche hinaus wirkt, ist sicherlich die Konzeption einer Ritualagentur gemeinsam mit den beiden Hamburger Kirchenkreisen. Hier arbeiten wir in einem Team aus den beiden Kirchenkreisen gemeinsam daran, wie wir als Kirche wieder mehr auf das Radar der Menschen kommen und die Zugangswege zu Taufe, Trauung und Bestattung erweitern können. Ziel ist ein gemeinsames interaktives Digitalportal, das Kontakt zu sogenannten distanzierten Kirchenmitgliedern aufbaut und sie für Taufe, Trauung und Bestattung begeistert. Es geht um die offensive Werbung für Kasualien und die Arbeit mit unterschiedlichen Zielgruppen (etwa Alleinerziehende), die wir über die Gemeinden nur sehr schwer erreichen. Sehr wichtig ist dabei die Vernetzung mit Pastoren und Pastorinnen, Kirchen und Gemeinden in der Region. Die Synoden werden in diesem Jahr darüber entscheiden und ich weiß, dass viele Menschen diese Entscheidungen gespannt begleiten.

Impulsgeber – auch auf digitalem Weg

Sie sprachen schon die Projekte Pop Up Church und die Wohnzimmerkirche an. In diesen Zeiten sind sie schwer durchführbar. Gibt es alternative Angebote?

Dennis Bock: Ja, natürlich. Wir haben beispielsweise Beratungs- und Fortbildungsangebote zum Thema Sozialraumanalyse für Gemeinden und Konvente entwickelt, die sich auch digital durchführen lassen.

Was den Sozialraum prägt, sind die Beziehungen der Menschen untereinander sowie ihre jeweiligen Bedürfnisse und Praktiken. Wen treffe ich also wo zu welchem Anlass und mit welchem Zweck? Wo in meinem Sozialraum leben die meisten Alleinerziehenden, wo Familien mit Kindern? Wo ist der Anteil mit Migrationsbiografie besonders hoch, wo der Anteil älterer Menschen?

Die Sozialraumanalyse ermutigt die Gemeinden, stärker auf die Verhältnisse vor Ort einzugehen.

Unsere Analyse des Sozialraums kann Auskunft über entsprechende Verdichtungen geben und nimmt zugleich die Angebotsstruktur der Gemeinden in den Blick: Wie passen die Ergebnisse der Sozialraumanalyse mit den Angeboten der Gemeinde zusammen? Sie ist sozusagen als Zielgruppenanalyse zu verstehen und ermutigt die Gemeinden, stärker auf die jeweiligen Verhältnisse vor Ort einzugehen. Wir geben dazu in drei unterschiedlichen Formaten Impulse, wo und wie gegebenenfalls nachjustiert werden kann und stellen Methoden und Projekte vor, die zeigen, wie wir konkret vom Denken ins Handeln kommen.

Gin Tonic statt Wein

Ein Kooperationsprojekt mit dem Gottesdienstinstitut setzt den Schwerpunkt auf anders gestaltete Liturgien und Kasualien – die liturgische Materialdatenbank „Liturgien der Verheißung“ . Was findet man dort? 

Emilia Handke: Das stimmt. Neben vielen Bausteinen für Sonntagsgottesdienste liegt der Sammelschwerpunkt auf Kasualien und Gottesdiensten jenseits des Sonntagsmorgens. Es gibt zum Beispiel multireligiöse Einschulungsfeiern, einen Tiergottesdienst oder auch eine Gin-Tonic-Liturgie, bei der statt Wein und Brot eben Gin Tonic und Brot geteilt werden. Das geht auch digital über eine Zoom-Konferenz oder über Instagram. 

Gemeinsam mit Katharina Gralla vom Gottesdienstinstitut erweitere ich diese Datenbank stetig, aktuell geht es um Passion, Ostern und Pfingsten. Derzeit findet man hier insgesamt ungefähr 900 liturgische Texte und Gestaltungsideen. Sie sollen dazu ermutigen, Gottesdienste dialogisch und partizipativ zu denken.

Sie haben kürzlich eine neue Website ins Leben gerufen. Welche Gesichtspunkte haben bei der Gestaltung die Hauptrolle gespielt?

Emilia Handke: Uns geht es dabei nicht um eine reine Selbstvorstellung, sondern darum, einen Inspirationspool für alle Leute zu schaffen, die diese Kirche zu einer "Kirche im Dialog" mit dem säkularen Kontext machen wollen. Deswegen teilen wir neben dem Einblick in unsere eigenen Projekte auch viele wunderbare Ideen von anderen – es werden zum Beispiel fast 20 Inspirationen aus ganz unterschiedlichen Bereichen gezeigt.

Neue Website als Türöffner

Dennis Bock: Außerdem stellen wir unsere aktuellen Schwerpunkt- und Beratungsthemen vor, neben der säkularen Ritualkultur etwa „Sozialraum“ und „Gemeinwesen“. Wenn sie die Zauberformeln der Zukunft sind, wie gelingt die Kooperation in der Nachbarschaft konkret? Junge Erwachsene gelten als eine der schwierigsten Zielgruppen von Kirche insgesamt. Wer sind sie und wenn ja, wie viele? All dies sind wichtige Themen, die die Zukunft von Kirche insgesamt betreffen, und mit denen wir mit Menschen ins Gespräch kommen wollen. Die Website ist dabei im besten Fall so etwas wie ein Türöffner.

Bitte vervollständigen Sie diesen Satz: „Ich habe einen richtig guten Job gemacht, wenn ...“

Emilia Handke: … viele Kollegen und Kolleginnen Lust bekommen haben, sich als Kirche im Dialog zu verstehen und viele Menschen unsere Kirche als Kirche im Dialog erleben.

Dennis Bock: … mich jemand auf einer Party fragt, was Kirche im Dialog ist.

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