Sommerkirche

Zu viel los auf dem Jakobsweg? Overtourism beim Pilgern

Die Jakobsmuschel ist das traditionelle Erkennungszeichen der Pilger auf dem Jakobsweg. Als Wegmarkierung weist sie die Richtung.
Die Jakobsmuschel ist das traditionelle Erkennungszeichen der Pilger auf dem Jakobsweg. Als Wegmarkierung weist sie die Richtung.© iStockphoto, wagnerokasaki

26. Juni 2026 von Hagen Tronje Grützmacher

Der Jakobsweg ist weltberühmt, tausende Menschen folgen der Pilgerstrecke jedes Jahr. Gerade im Sommer kann das zum Problem werden. Overtourism nennen Fachleute das Phänomen, wenn besondes beliebte Reiseziele zu viele Menschen anziehen.

Nach dem Abitur wollte Leo Zillmann raus aus Hamburg. Den Kopf freikriegen. Er entschied sich für den Jakobsweg, zu Fuß von Genf in der Schweiz bis ins nordspanische Santiago de Compostela. Fast fünf Monate hatte er eingeplant, er wollte sich Zeit lassen. Doch als er in Spanien ankam, war der Pilgerweg streckenweise völlig überlaufen.

„Ich hatte eigentlich nie einen Moment, wo ich keinen anderen Pilger gesehen habe, während ich pilgern war“, erzählt der heute 20-jährige. In Frankreich war auf den Pilgerwegen „nicht so viel los“, aber das änderte sich, je näher Leo Zillmann dem Ziel kam.

Leo Zillmann aus Hamburg war der Jakobsweg in Spanien zu voll. Er fand Ruhe auf einer Pilgerstrecke etwas abseits der Hauptroute.
Leo Zillmann aus Hamburg erlebte den Jakobsweg in Spanien als zu voll. Er fand Ruhe auf einer Pilgerstrecke etwas abseits der Hauptroute.© epd; Hagen Tronje Grützmacher

Wettrennen um Schlafplätze

„Es war teilweise ein Wettrennen um die Schlafplätze. Manchmal waren ab 14 Uhr alle Herbergsbetten belegt. Das hatte ich mir anders vorgestellt. Ich wollte zur Ruhe kommen und die Natur genießen.“

Pilgern bei uns im Norden

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Jakobswege in Europa

Overtourism nennen Fachleute das Phänomen, bei dem beliebte Reiseziele durch zu großen Ansturm in Mitleidenschaft gezogen werden. Ein Problem, das auch auf beliebten Pilgerstrecken vorkommt. Beim vergangenen Pilgersymposium in Hamburg war Overtourism ein wichtiges Thema. Zu den Vortragenden gehörte auch Professor Klaus Herbers. Als er die Strecke in den 1970er Jahren zum ersten Mal ging, war sie noch ein Geheimtipp.

„Wir mussten uns durchfragen und konnten ab und zu mal in einem Pfarrheim schlafen“, erinnert sich der Historiker. Seit 2016 ist er Präsident der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft. „Als wir im Kloster in Santiago de Compostela ankamen, waren da vielleicht zehn andere Pilger, wenn man von den Tagesbesuchern absieht.“

Damals konnte man sich noch verlieren

Damals, so sagt Klaus Herbers, konnte man sich auf dem Jakobsweg noch verlieren. Das sei „heute nicht mehr möglich“ - und er hängt mit einem Lächeln ein „leider“ an.

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Auch Michael Kaminski kennt den Jakobsweg sehr gut. Er kommt aus Bayern und organisiert für die evangelische Landeskirche Pilgertouren. Mehr als 20.000 Kilometer hat er schon zu Fuß zurückgelegt. Er war erst vor kurzem auf dem Jakobsweg, genauer auf dem Camino Frances, dem wichtigsten Teilstück.

Eine Pilgerin am Ziel in Santiago de Compostela vor der Kathedrale des Heiligen Jakob.
Pilgerin, Spanien, Jakobsweg© iStockphoto, percds

„Das extremste Beispiel war eine Herberge mit 70 Betten und es waren nur drei Pilger da“, sagt der 57-jährige. Er war extra im August vor Ort, um selbst zu sehen, wie voll der Jakobsweg wirklich ist. Überfüllt sei die Strecke nicht, meint er. „Freilich ist es so, dass die letzten 100 Kilometer die berühmtesten sind“, gibt Michael Kaminski zu bedenken. Dort, das weiß er aus Erfahrung, seien sehr viele Tagespilger aus Spanien unterwegs.

„Da sind Familien unterwegs und Schulklassen. Ich habe sogar mal den Betriebsausflug einer Kreissparkasse aus Galizien auf diesem Teilstück getroffen.“

Ausweichen auf andere Routen

Wem das dann zu viel wird, dem empfiehlt der Experte eine Route abseits des Camino Frances. Denn der Jakobsweg ist ein Netzwerk, mit vielen unterschiedlichen Abschnitten und Wegen. „Es gibt den Camino de Levante, der von Valencia über Toledo und Avila führt. Auf 1.300 Kilometern bin ich dort vier Pilgern begegnet“, berichtet Michael Kaminski. Sein Tipp für alle, die Einsamkeit und Ruhe suchen.

Das war auch die Lösung für Leo Zillmann. Als der Hauptweg zu voll wurde, suchte er sich eine Pilgerstrecke etwas abseits, den sogenannten Camino del Norte. Dort fand der junge Hamburger, was er suchte: Natur, Ruhe und die Chance, den Kopf freizukriegen.

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