Aus alt mach neu: Ein Tag im Repaircafé der Lutherkirche Pinneberg
12. März 2026
Reparieren statt wegschmeißen heißt es im Repaircafé der Pinneberger Lutherkirche. Mehrmals im Jahr setzen Ehrenamtliche im Gemeindehaus Elektrogeräte, Fahrräder, Kleidung und Spielzeuge in Stand. Für weniger Müll und mehr Gemeinschaft.
"Bring mal ruhig was mit", sagt Holger Jensen, als ich ihn frage, wie das Pinneberger Repaircafé im Gemeinehaus der Lutherkirche funktioniert. "Dann kannst du gleich den Selbstversuch machen."
Reparatur mit Anleitung
Denn bei dem Pinneberger Projekt gehe es nicht darum, kaputte Dinge über den Thresen zu schieben, damit andere sie wieder flott machen. Im besten Fall sei es vielmehr so, dass ich am Ende selber wisse, wo der Fehler liege und ihn beim nächsten Mal ganz alleine beheben könne, erklärt mir der Gründer des Repaircafés.

Etwas beschämt frage ich eine Kollegin, ob sie mir mit defekten Geräten aushelfen kann – meine eigenen sind längst in den Müll gewandert. Und zwar ohne dass ich auch nur einen Wimpernschlag lang über eine Reparatur nachgedacht habe.
Kleines Fehler-ABC
Mit ihrem Pürierstab und Kontaktgrill ausgestattet, mache ich mich auf den Weg. Ich habe so meine Zweifel, ob ich in der Lage sein werde, die technischen Details der Reparatur zu verinnerlichen. Dafür ist Reinhard Fetzer umso zuversichtlicher. Der Elektroingenieur im Ruhestand macht sich begeistert ans Werk.

Ich lerne, dass der Pürierstab einen bürstenlosen Gleichstrommotor (Englisch: BLDC) hat, das könne man am vibrierenden Geräusch erkennen. Ebenso, dass der häufigste Fehler bei Elektrogeräten ein Kabelbruch ist: "Immer da, wo der stärkste Knick ist, bricht es", sagt der Profi. Der Pürierstab hat dieses Problem allerdings nicht. Er springt wie von Zauberhand an.
Sicherheitsprüfung ist inklusive
Dem Kontaktgrill hingegen bescheinigt Reinhard Fetzer nach der Schutzleiter-Messung ein Sicherheitsproblem. Doch so richtig will der Elektroingenieur ihn noch nicht aufgeben. Nach mehreren weiteren Prüfungen und der Beratung mit Kollegen steht fest: Hier gibt es einen Kabelbruch im Stecker, "der leider von außen nicht zu sehen ist." Also trennt er den alten Stecker ab und verbindet das Kabel mit einem neuen.

Während er tüftelt, komme ich mit den Leuten am Nachbartisch ins Gespräch: Elke und Dieter Leyk sind heute mit ihrer Küchenmaschine hier. Es ist nicht das erste Mal, dass sie das Repaircafé besuchen. Erfahren haben sie von dem Angebot schon vor Jahren – "aus dem Kirchenblatt", sagt Elke Leyk.
Gebührenfrei und erfolgreich
Inzwischen hätten sie auch vielen Freunden und Bekannten davon erzählt. Anfangs seien manche skeptisch gewesen. "Aber ich habe gesagt: Was soll schon passieren? Und hinterher waren die sowas von happy!", erzählt Dieter Leyk.
Verwunderlich ist das nicht: Denn das Repaircafé arbeitet ohne Gebühren, "nicht gewinn- sondern lösungsorientiert", sagt Reinhard Fetzer. Und es hat dazu noch eine beachtliche Erfolgsquote. Stolz zeigt Gründer Holger Jensen mir seine Excel-Tabelle. Darin ausgewiesen sind die Anzahl der Gäste, Aufträge und erfolgten Reparaturen seit Beginn des Repaircafés im November 2014. Die durchschnittliche Erfolgsquote: 75,19 Prozent.
Spenden fließen in lokale Projekte
Wer zufrieden ist, darf gerne etwas in die Spendendose stecken. Das gesammelte Geld wird für die Anschaffung von Ersatzteilen verwendet, erklärt mir Holger Jensen. Was übrig bleibt, fließt in lokale Projekte der Gemeinde. Zuletzt konnte das Repaircafé so helfen, einen Defibrilator zu finanzieren.
Noch einen Tisch weiter blitzt es plötzlich grell auf. Martin Eckert hat das Visier seines Helmes heruntergeklappt und schweißt den abgerissen Metallsteg eines Bügelbrettes wieder ans Gestell. "Unser Allround-Genie", sagt Holger Jensen grinsend. "Der kann alles."
Alle sind mit Leidenschaft dabei
An anderen Tischen wird ein Bademäntel geflickt, eine Lampe repariert und ein Plattenspieler in Augenschein genommen. Einen Raum weiter wartet der ehemalige Schiffsingenieur Hanspeter Raschle auf Menschen, die ihr Rad in Schuss bringen wollen.

Insgesamt gehören 40 Ehrenamtliche zum Pinneberger Repaircafé. Die meisten von ihnen sind im Ruhestand, wollen ihre Kompetenz aber weiter einbringen oder, wie Peter Raschle es ausdrückt, "einfach gerne schrauben".
Infrastruktur der Kirchengemeinde ist hilfreich
Der Ort ist nicht zufällig gewählt. "Wir haben festgestellt, dass sich eine Kirchengemeinde ideal eignet, um so ein Repaircafé durchzuführen: Man hat den Gemeindesaal, man hat eine Küche und man hat organisatorisch ein Spendenkonto, so dass man keinen eigenen Verein gründen muss", so Holger Jensen.
Inzwischen macht auch eine andere Kirchengemeinde aus der Umgebung mit: Die Christuskirche Schulau in Wedel bietet ebenfalls regelmäßig Repaircafés an. Viele der Pinneberger Ehrenamtlichen sind auch dort im Einsatz.

Auch ohne Reparatur ein Erlebnis
Als ich mich an einem freien Tisch setze, begegne ich einem Paar, das es sich mit einem Teller Gebäck gemütlich gemacht hat. Welches Lieblingsstück sie denn wieder heil machen wollen, frage ich. "Keins. Wir sind nur zum Kaffeetrinken hier", sagt der Mann. Der Kuchen schmecke immer so gut.

Ich erfahre, dass die Franzbrötchen und verschiedenen Blechkuchen vom Vortag stammen und von einer lokalen Bäckerei gespendet sind. Die will ich auch testen! Ich werfe ein paar Münzen in die Spendendose und bekomme einen Streuselkuchen und eine Tasse ökozertifizierten Fairtrade-Kaffee ausgehändigt.
Längere Einsatzdauer, weniger Müll
Genüsslich lasse ich es mir schmecken, bevor ich mich mit dem nun wieder voll funktionsfähigem Pürierstab und Kontaktgrill auf dem Heimweg mache.
Einen Stecker kann ich trotz des Crashkurses in Elektrotechnik zwar nach wie vor nicht alleine austauschen, doch dafür weiß ich jetzt, wen ich fragen kann. Ich gehe mit dem guten Gefühl, Müll vermieden, Geld gespart und einen schönen Nachmittag verbracht zu haben.

