Jubiläum für zwei Originale der Hansestadt

Hamburgs Micheltürmer: Kein Tag ist ohne Musik

Micheltürmern Horst Huhn und Josef Thüne spielen zum 30. Dienstjubiläum gemeinsam "Aus meines Herzens Grunde".
Micheltürmern Horst Huhn und Josef Thüne spielen zum 30. Dienstjubiläum gemeinsam "Aus meines Herzens Grunde". © Marcel Maack, epd

02. August 2022 von Marcel Maack

Vor 30 Jahren traten Josef Thüne und Horst Huhn ihren Dienst als Michel-Türmer an. Seitdem bläst morgens und abends einer von beiden einen Choral vom Turm. In dieser Woche feierten sie ihr Dienstjubiläum mit einem gemeinsamen Choral.

Premiere auf dem Türmerboden von St. Michaelis in Hamburg: Josef Thöne und Horst Huhn stehen gemeinsam am Ostfenster im siebten Stock und warten darauf, dass die Turmglocken 10 Uhr schlagen.

30 Jahre Beruf und Berufung

Normalerweise wechseln die beiden Trompeter sich ab: Nur je einer hat "Dienst" in Hamburgs Hauptkirche St. Michaelis, um werktags immer morgens und abends und sonntags an jedem Mittag einen Choral anzustimmen. Doch diesmal spielen die Turmbläser, auch Turmtüter genannt, ihn gemeinsam. Erst durchs Ost-, anschließend durchs Süd-, dann durchs West- und zuletzt durchs Nordfenster erklingen die Töne. 

Dass der 62-jährige Thüne und sein vier Jahre älterer Kollege Huhn an diesem 1. August gemeinsam musizieren, hat einen besonderen Grund: Heute vor genau 30 Jahren traten beide ihren Dienst als Michel-Türmer an.

Wäscheklammern für die Noten

Aufregung liegt in der Luft hoch oben über der Hansestadt, neben Thöne und Huhn sind Michel-Hauptpastor Alexander Röder und ein gutes Dutzend Reporter, Fotografen und Kameraleute nach oben gefahren – aufgeteilt in Grüppchen, denn der Fahrstuhl fasst maximal acht Personen. Thöne verrät: „Wir werden 'Aus meines Herzens Grunde' spielen“. Sein Gesangsbuch mit den Noten hat er über der Fensterluke positioniert, die Seiten mit Wäscheklammern gesichert.

Der tägliche Choral um 10 Uhr hat Tradition. Ebenso wie der zweite Termin um 21 Uhr. Lediglich an Sonn- und kirchlichen Feiertagen wird nur einmal musiziert, dann um 12 Uhr. Hauptpastor Röder berichtet, dass es das Choralspiel vom Turm seit über 300 Jahren gebe. Damals habe in Hamburg abends noch eine Torsperre existiert, für Grenzgänger sei das abendliche Spiel somit das Signal gewesen, rechtzeitig in die Stadt zurückzukehren oder diese zu verlassen.

Musik in der Luft, Sirenen am Boden

Endlich ist es 10 Uhr. Thöne und Huhn müssen jetzt nur noch das Glockengeläut abwarten, dann kann ihr gemeinsames Trompetenspiel beginnen. Doch was ist das? Unten in der Stadt beginnt ein Sirenen-Probealarm. Die beiden Türmer nehmen es gelassen, sie starten ihren Choral und übertönen zumindest hier oben das Geheul um ein Vielfaches.

„Dass die ausgerechnet heute Morgen die Sirenen ausprobieren müssen!“, kommentiert Röder. Der hat übrigens ebenfalls eine Trompete dabei, es ist das Exemplar eines „Vor-Vorgängers“ der beiden jetzigen Türmer. Wird aus dem Duo also gleich ein Trio? „Nein“, lacht Röder und ergänzt in Anspielung auf sein eigenes trompeterisches Talent: „Das möchte niemand hören!“

Ehrfurcht vor der traditionsreichen Aufgabe

Horst Huhn und Josef Thöne wiederholen ihr Spiel an den weiteren Fenstern. Einmal winkt Thöne dabei. „Da steht immer ein alter Mann und winkt mir, dem winke ich zurück“, erzählt er. Gelegentlich erhielten Huhn und er auch Feedback per Mail, beispielsweise aus umliegenden Büros.

Für Huhn und Thöne ist der Job noch heute echte Berufung. „Das lässt einen einfach nicht los“, sagt Huhn und Thöne stimmt zu: „Es ist jeden Tag wieder eine schöne Herausforderung.“ Huhn spricht von einer besonderen Verantwortung, die er in Anbetracht der über 300-jährigen Tradition des Michel-Trompetenspiels verspüre. Thöne sagt, er empfinde Ehrfurcht. Und nicht nur das: „Man ist quasi eine Hamburgensie.“

Auch bei Regen und Eis im Dienst

Von Routine wollen beide nichts wissen, im Gegenteil, kein Tag sei wie der andere. Einmal vor vielen Jahren, als es in Hamburg noch echte Winter gab, da seien ihm mal die Trompeten-Ventile eingefroren, erinnert sich Huhn. Apropos Wetter: „Am besten hört man die Klänge bei Regen“, weiß Thöne.

Josef Thöne hofft, dass er den Türmer-Job noch lange machen kann. Die Chancen dafür stehen gut: „Hier oben ist gesunde Höhenluft“, sagt er, und wenn der Fahrstuhl mal ausfalle, dann laufe er eben die Treppen hoch, das sei gut für den Kreislauf.

Livemusik soll erhalten bleiben

Auch Huhn möchte noch lange Zeit Choräle in den Stadthimmel blasen: „Bis die Trompete nicht mehr in der Hand zu halten ist“, lacht er. Für den Fall, dass die Zwei doch irgendwann einmal aufhören sollten, hofft Michel-Hauptpastor Röder auf Nachfolger. Denn das Turmblasen solle unbedingt erhalten bleiben - und auf keinen Fall eines Tages vom Tonband kommen.

Mit dem Choralspiel zu zweit ist der 30-jährige Dienstgeburtstag für Horst Huhn und Josef Thöne noch nicht zu Ende: In der Mittagsandacht um 12 Uhr gedenken die Anwesenden des besonderen Datums. Zumindest Thöne macht sich danach mit seiner Lebensgefährtin auf in den Urlaub. Die beiden fahren in die Nähe von Kassel. „Die Trompete kommt mit“, sagt er, einen Tag ohne Musizieren gebe es in seinem Leben nicht. Spiele er nicht Trompete, dann sitze er gern am Klavier.

Ein Künstler auf dem Turmboden

Auch Kollege Huhn ist Musiker durch und durch, wenngleich er noch weitere Leidenschaften hat: „Ich male mit Öl und Acryl. Und ich schreibe kleine Romane.“ Spielt einer davon vielleicht auf dem Türmerboden? „Bisher noch nicht, aber das ist eine gute Anregung!“

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