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Licht schöpfen für die Seele: Kerzenstationen in Kirchen

Kerzen leuchten in der Kieler St. Nikolaikirche in der Innenstadt.
Kerzen leuchten in der Kieler St. Nikolaikirche in der Innenstadt.© Frank Bach, iStockphoto

30. März 2026 von Stephan Cezanne

Kerzen leuchten nicht nur an Ostern in der Kirche. Kerzenstationen oder Opferlichter ziehen Touristen, Gläubige und Zufallsbesucher das ganze Jahr über an. Sie werfen eine Münze ein, entzünden ein kleines Licht: ein Gebet ohne Worte.

In großen Kirchen flackern warm-golden unzählige Teelichter auf Kerzenstationen. Sie stehen für Gebete, Bitten, Erinnerungen an Verstorbene oder einfach Augenblicke der Stille.

Momente des inneren Friedens

Dort werde religiöse Erfahrung mit Händen greifbar, sagte der Psychologe Hans-Gerhard Behringer. Es entstehe ein „größerer Raum“, den Menschen wahrnähmen, „ein Moment der Ruhe, des inneren Friedens“. Viele spürten danach in ihrem Inneren mehr Lebenskraft, hat er beobachtet.

Kerzenlicht sei schon immer ein Symbol der Hoffnung gewesen, sagt Behringer. Die Kerze im Ostergottesdienst steht für die Auferstehung Jesu und die Überwindung des Todes. Behringer, der im schweizerischen Davos lebt, sieht das Entzünden eines Lichts an einer Kerzenstation auch als „ein seltenes Stück analoges Tun“, ein Gegenstück zur allgegenwärtigen Digitalisierung. „Das ist anders als ein Klick im Internet“, sagt der Autor: „Es macht etwas mit einem.“

Gebet ohne Worte

In großen Metropol-Kirchen wie in Köln, München und Hamburg ist das Anzünden von Opferkerzen ein gern genutztes Ritual. Allein im Kölner Dom habe der Kerzenverbrauch „nach dem Corona-Einbruch wieder ein gleichbleibendes Niveau von rund zwei Millionen pro Jahr erreicht“, erklärt Markus Frädrich vom Metropolitankapitel.

Im Hamburger Michel werden jährlich ungefähr 150.000 Kerzen zum Leuchten gebracht. „Insbesondere in der Sommersaison, aber auch zu Advent und Weihnachten werden viele hundert Kerzen pro Tag entzündet oder für das Gebet zu Hause mitgenommen“, erklärt Ines Lessing von der Hauptkirche St. Michaelis: „Im Kirchraum entzünden viele Touristen oder Menschen, die selten in eine Kirche kommen, eine oder mehrere Kerzen. Wir vermuten auch und gerade, wenn die Worte für ein gesprochenes Gebet fehlen - in Zeiten der Trauer und Angst, aber auch der Freude.“

Blick in die Hauptkirche St. Michaelis: Hier gibt es gleich mehrere Kerzenstationen. © iStockphoto, Arnold Petersen

Wärme, Trost und Lebenskraft

Im Michel wurde die Tradition der Opferkerzen als Votivkerzen Anfang der 1990er Jahre vom damaligen Hauptpastor Helge Adolphsen begründet, wie Lessing erklärt. Mittlerweile gebe es drei Kerzenorte in der Kirche und einen Ort in der Krypta: „Wir nutzen echte Kerzen in Form von Teelichtern, die speziell für den Michel produziert werden.“

Das Licht-Ritual in einer Kirche könne einigen Menschen - insbesondere Männern - zunächst eine gewisse Überwindung abverlangen, räumt Psychologe Behringer ein. Doch gerade das mache die Geste zu einer tiefen seelischen Erfahrung. Das Anzünden eines Lichts werde zur intimen Handlung ohne große Worte. „Man könnte es nennen: intim werden mit Gott.“

Bedürfnis nach Wärme, Trost und Lebenskraft

Ob jemand dabei „Gott“ sage, eine größere Kraft erahne oder gar keinen religiösen Hintergrund habe, bleibe bewusst offen, so der Theologe und Therapeut. „Licht schöpfen“ sei etwas Elementares - das Bedürfnis nach Wärme, Trost und Lebenskraft.

Online-Service zur Erleuchtung

Für viele sei das Anzünden einer Kerze Ausdruck einer „neuen Spiritualität ohne Organisiertheit, ohne Glaubenssätze und Dogmen“, sagt Behringer. Dabei spiele das konfessionelle Etikett - wie evangelisch oder katholisch - kaum mehr eine Rolle.

Doch auch an den Kerzen ist die Digitalisierung nicht vorbeigegangen. Der Kölner Dom etwa bietet einen Online-Service an, berichtet Frädrich: „User können ihre Anliegen und ihr Gebet per Nachricht einsenden - das Dom-Team nimmt diese Bitten täglich mit in den Dom und zündet dort stellvertretend eine Kerze an.“

Diese Anliegen und Gebete seien sehr persönlich und sehr verschieden. „Oftmals sind es Bitten in persönlichen Krisen: Vor Prüfungen, bei Krankheiten oder in anderen besonderen Lebenssituationen erbitten viele Menschen Gottes Hilfe.“

Hinter den Kerzen in Kirchen: Sicherheit und Recycling

Kerzenstationen in Kirchen müssen organisiert werden. Aufsichten kontrollieren die Ständer, leeren die Opferstöcke, löschen Kerzen nach der Schließung - und achten darauf, dass Brandschutz und Nachhaltigkeit mit der stillen Andacht zusammengehen.

In vielen größeren Kirchen gehören Kerzenstationen inzwischen selbstverständlich dazu. Damit von den stillen Orten des Gebets keine Brandgefahr ausgeht und immer genügend Kerzen da sind, braucht es klare Abläufe.

In der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis, dem Michel, wacht ein Team aus Ehrenamtlichen über die Kerzenorte, bestückt die Kerzen nach und räumt leer gebrannte Kerzen weg. Wenn der Michel schließt, werden die Kerzen gelöscht. Sie sind nach eigenen Angaben nahezu rußfrei und stecken in einer wiederverwendbaren Kunststoffhülle. Damit wird eine nachhaltige Nutzung angestrebt. Die Opferkerzen können vor Ort entzündet oder für das Gebet zu Hause mitgenommen werden.

Recyclingkreislauf der Kerzen

Pro Jahr besuchen rund 2,5 Millionen Menschen den Münchner Dom, bekannt auch als Frauenkirche. Dort gibt es seit der Innenrenovierung Anfang der 1990er Jahre drei Orte zum Anzünden von Opferlichtern. Nach Angaben des Erzbischöflichen Ordinariats München sind je nach Tageszeit und Anlass zwei bis vier Domaufsichten im Einsatz, die sich um die Kerzen kümmern, die Kerzenständer reinigen und darauf achten, dass dort alles korrekt abläuft.

Im Kölner Dom gibt es die Möglichkeit, Opferlichter zu entzünden, die ungefähr die Größe von Teelichtern haben. Rund zwei Millionen Kerzen werden dort im Jahr entzündet. Der Kerzenlieferant des Kölner Domes recycelt laut Metropolitankapitel die kleinen Plastikschälchen. Sie werden nach dem Abbrennen der Kerzen in einer Werkstatt für Menschen mit psychischen Erkrankungen vom Restwachs befreit und anschließend mit einem neuen Kerzenkern versehen

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