Sommerkirche

Asanas unter Kanzel und Kirchenfenster: Yoga im St.-Petri-Dom

Virabhadrasana I - oder Krieger 1 - mit Blick zum Altar: Im Schleswiger Dom ist im Frei (t)raum Platz für Yoga oder Qi Gong. Foto: Inke Pohl
Virabhadrasana I - oder Krieger 1 - mit Blick zum Altar: Im Schleswiger Dom ist im Frei (t)raum Platz für Yoga oder Qi Gong. Foto: Inke Pohl

03. Juni 2026 von Inke Pohl

Wie fühlt es sich an, die Yogamatte auf dem Fußboden einer Kirche auszubreiten? In Schleswig lässt sich dieses besondere Erlebnis ausprobieren. Die Kirchengemeinde hat für zwei Wochen die Stühle aus dem Dom geräumt und Platz geschaffen - für Begegnungen, die ansonsten nicht möglich sind. So wie die Yoga-Einheit am Morgen, noch bis Freitag an jedem Tag.

Inke Pohl, Mitarbeiterin im Kommunikationswerk, hat für eine Stunde den Schreibtischstuhl gegen den Fußboden in der Kirche getauscht. Und das vertraute Kirchengebäude ganz anders als sonst wahrgenommen:

Die Stille ist besonders. Kurz vor acht Uhr morgens kommen Menschen in den Dom, einzeln oder als Paar, suchen sich schweigend ihr Fleckchen auf den Holzdielen, auf dem sie ihre Matte ausbreiten. Platz ist genug im leergeräumten Kirchenschiff, dort, wo sonst rechts und links die Stuhlreihen stehen. Gleich wird Julia Henningsen eine Stunde lang hier mit uns Yoga praktizieren.

Ich habe meine Matte ziemlich weit vorn ausgerollt und sehe die Kanzel aus ungewohnter Perspektive. Und noch etwas ist ungewohnt: Ich bin barfuß. Unzählige Male war ich im Dom, wurde hier vor langer Zeit getauft, konfirmiert und getraut, habe Konzerte besucht, Gottesdienste und emotionale Trauerfeiern erlebt. Besuch von auswärts kommt meist nicht eher weg, bevor ich ihm nicht diese Kirche gezeigt habe. Aber barfuß habe ich meine Füße noch nie auf diesen Boden gesetzt. 

Barfuß im Dom – eine neue Perspektive

26 Menschen sind jetzt insgesamt da, gespannt auf die die erste Yoga-Einheit im St.-Petri-Dom im „Frei(t)raum“. Hierfür hat die Kirchengemeinde Schleswig alle Stühle aus dem Kirchenschiff geräumt. Das Programm in den nächsten zwei Wochen ist ganz anders als die üblichen Veranstaltungen einer Kirchengemeinde - mit Flohmarkt, Fußballfest und Dinner. Diese Woche beginnt der Tag mit Yoga, in der kommenden Woche mit Qi Gong.

Julia Henningsen, Leiterin des Bibelzentrums Schleswig, bietet morgens um 8 Uhr Yoga im St.-Petri-Dom an. Foto: Inke Pohl

Julia Henningsen leitet eigentlich das Bibelzentrum in Schleswig. Seit ihrem Studium praktiziert sie in ihrer Freizeit Yoga, wie sie mir erzählt. Vor einigen Jahren hat sie sich weitergebildet zur Yoga-Anleiterin und findet, dass die Yoga-Lehre - ein Weg zur inneren Befreiung - und das Christentum sich überhaupt nicht ausschließen müssen. Sie begrüßt uns mit einem Namasté und  beschreibt kurz, dass es heute um das Herz-Chakra gehen wird. 

Den Kirchenraum neu entdecken

Zum Glück bin ich keine Anfängerin. Viele der Bewegungen und der Begriffe der Yoga-Lehre kenne ich, so dass ich mich nicht allzu sehr darauf konzentrieren muss. Stattdessen nehme ich den Raum wahr, den ich ansonsten aus anderen Richtungen betrachte - sitzend, auf einem Stuhl, mit Blick zum Altar und zum Hohen Chor.

Eine neue Erfahrung: Yoga vor Lettner, Kanzel und Altar.

Sonnengruß unter dem Gewölbe

Mir ist tatsächlich noch nie aufgefallen, dass im Gewölbe in der Mitte des Hauptschiffs eine Sonne an die Decke gemalt ist. Nun sehe ich sie ausgerechnet beim dreifachen Sonnengruß zum ersten Mal. Und stelle fest, ganz abgesehen vom ungewöhnlichen Ort, wie gut die Bewegungen vor der Schreibtischarbeit tun. 

Verborgene Details im Blick

Eine knappe Stunde praktizieren wir schweigend, nur durch Julias ruhige Stimme geleitet, Asanas: Katze-Kuh, Kamel, gegen Ende der Stunde das Krokodil. Im Liegen drehe ich meinen Kopf nach rechts und blicke genau auf einen Totenschädel unter einem reichverzierten Epitaph. Auch der ist mir noch nie aufgefallen, obwohl ich schon so oft vorbeigegangen bin.

Vermutlich kennen aber alle, die vor der Gemeinde stehen, diesen Schädel ganz genau, überlege ich mir. Bei der Drehung nach links sehe ich am Epitaph gegenüber mehrere löwenähnliche Köpfe. Ja, die kommen mir bekannt vor – ich werde sie aber künftig anders betrachten. Mir gefallen diese Perspektivwechsel.

Entspannung mit Worten aus dem Hohelied

Zur Schlussentspannung Shavasana hole ich mir eine Decke und schließe die Augen. Julia liest dazu Sätze aus dem Hohelied der Liebe. Ich versuche zu fühlen: Ist mein Herzraum tatsächlich etwas weiter geworden nach dieser Yoga-Stunde? Vielleicht. Auf jeden Fall aber konnte ich den Schleswiger Dom neu kennenlernen. Wenn es passt, komme ich mit meiner Matte in den nächsten Tagen noch einmal her.

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