Jubiläum

Spendenparlamente: Mitgefühl statt Meckern

Bei den Parlamentssitzungen entscheiden die Mitglieder des Hamburger Spendenparlaments über die Förderung gemeinnütziger Projekte.
Bei den Parlamentssitzungen entscheiden die Mitglieder des Hamburger Spendenparlaments über die Förderung gemeinnütziger Projekte.© Hamburger Spendenparlament e.V.

19. Juni 2026 von Evelyn Sander

Die Idee der Spendenparlamente ist 30 Jahre alt und immer noch aktuell: Soziale Projekte sollen nicht am Geld scheitern. Das Engagement hilft auch gegen Politikverdrossenheit.

Das Nachtcafé Hamburg hilft kranken, obdachlosen Menschen, die Sprachbrücke-Hamburg organisiert Gesprächsrunden mit Zugewanderten und Westwind verteilt reparierte Fahrräder an Bedürftige. Es sind nur drei Initiativen, die vom Hamburger Spendenparlament gefördert werden.

Damit diese noch besser helfen können. „Kein wichtiges Projekt sollte am Geldmangel scheitern“, sagt der Vorsitzende des Vorstands, Uwe Kirchner. Das war und ist die Grundidee, die bundesweit immer mehr Nachahmer findet.

Das Hamburger Spendenparlament wurde 1996 auf Initiative des damaligen Landespastors Stephan Reimers gegründet. Es unterstützt gemeinnützige Projekte, die sich in Hamburg gegen Obdachlosigkeit, Armut und Isolation engagieren.

Der Hamburger Spendenengel ist eine oeffentlich sichtbare Kunstinstallation des Spendenparlaments im Westfield Hamburg-Überseequartier
Der Hamburger Spendenengel ist eine öffentlich sichtbare Kunstinstallation des Spendenparlaments im Westfield Hamburg-Überseequartier.© Hamburger Spendenparlament e.V.

Im Laufe der Zeit hat das ehrenamtliche Parlament über 1.800 soziale Projekte mit insgesamt rund 21 Millionen Euro unterstützt. Die aktuell rund 2.500 Mitglieder entscheiden dreimal jährlich in Parlamentssitzungen, welche Projekte unterstützt werden. Stimmberechtigt sind alle, die ab fünf Euro Mitgliedsbeitrag im Monat zahlen.

Hilfsbedarf nimmt zu

„Während öffentliche Fördermittel abnehmen, nimmt der Hilfsbedarf zu, besonders bei Projekten gegen Armut und Isolation“, weiß Kirchner. Bei der letzten Tagung wurden 1,16 Millionen Euro an 23 Projekte vergeben. „So hoch war die Summe noch nie“, sagt der 73-Jährige. Erstmals würden größere Projekte über drei Jahre gefördert - wie die neue medizinische Praxis für obdach- und wohnungslose Menschen im Münzviertel oder ein neues Kultur- und Bildungszentrum für Kinder, Jugendliche und Familien in Wilhelmsburg.

Das 30-jährige Bestehen des Spendenparlamentes würdigte der Hamburger Senat am Freitag mit einem Empfang im Rathaus. Der Verein stehe „für gelebte Solidarität, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Überzeugung, dass eine Stadtgesellschaft vor allem dann stark ist, wenn sie auch die Schwachen im Blick behält“, sagt Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD) in einer Mitteilung.

Sonderaktion zum runden Geburtstag

Im Rahmen des Empfangs vergab das Spendenparlament unter dem Motto „300.000 Euro für 30 Jahre“ Förderpreise an zehn gemeinnützige Vereine in Höhe von jeweils 30.000 Euro. Die Vereine engagieren sich schon seit Jahren. „Die soziale Situation für benachteiligte Menschen hat sich weiter verschlechtert“, weiß Kirchner. Das Parlament könne Armut zwar nicht verhindern. „Aber wir tragen konkret dazu bei, dass es vielen besser geht“, sagt er.

Während sich die soziale Arbeit in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert hat, sei das politische Klima heute ein anderes. „Wir erleben eine immer größere gesellschaftliche Spaltung, gegen die wir angehen müssen“, beobachtet Kirchner, der sich mehr junge Mitglieder wünscht. Nicht zuletzt helfe das Engagement auch gegen Politikverdrossenheit. „Wer erlebt hat, dass er selbst etwas bewegen kann, ist weniger anfällig für populistische Parolen“, sagt der Vorsitzende.

Bundesweites Vorbild

Und so ist die Hamburger Idee auch anderswo gefragt: 21 weitere Spendenparlamente haben sich mittlerweile in Deutschland und der Schweiz gebildet. „Das Interesse ist groß“, sagt Martin Strobel, Geschäftsführer des thüringischen Demokratiefördervereins „goals connect“ (Saale-Orla-Kreis). Anfang des Jahres gründete er das Netzwerk Spendenparlamente, das den Austausch fördern und Neugründungen beraten will. Aktuell werde besonders in Thüringen und Sachsen an neuen Spendenparlamenten gearbeitet.

Bisher gab es das Projekt vor allem in großen Städten. „Wir wollen es auch in kleineren Orten und auf dem Land etablieren“, erläutert Strobel. Er selbst hat das Spendenparlament im Saale-Orla-Kreis aufgebaut. „Auch auf dem Land ist viel möglich“, sagt er. In zwei Runden seien bereits über 29.000 Euro an lokale Projekte gegangen, unter anderem an einen Imker, Schulchor, Rehkitzretter, für Blumenpflanzaktionen und eine Bücherbox.

Demokratie "kein Zuschauersport"

Strobel will damit eine Gegenerzählung schaffen zur „Alles ist schlecht“-Stimmung. Es habe sich so eine Dienstleistungsmentalität breit gemacht. „Dabei ist Demokratie doch kein Zuschauersport“, findet er. Alle seien aufgefordert, sich aktiv zu beteiligen.

"Gemeinsam Neues schaffen"

Dabei sei der Appell „Wir müssen jetzt die Demokratie retten“ zwar richtig, aber eben zu abstrakt. Stattdessen möchte Strobel zeigen, dass jeder Einzelne etwas bewegen kann: „Wir können gemeinsam Neues schaffen.“

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