Bischof Tilman Jeremias im Austausch mit Landwirten

"Unser täglich Brot ist keine Selbstverständlichkeit"

Bischof Jeremias trifft sich mit Vertretern der Landwirtschaft in Ferdinandshof.
Bischof Jeremias trifft sich mit Vertretern der Landwirtschaft in Ferdinandshof. © Bettina Schipke / Bauernverband

11. November 2022

Bischof Jeremias hat sich mit Vertreterinnen und Vertretern der Landwirtschaft bei einem Treffen in Ferdinandshof ausgetauscht. Dabei ging es nicht nur um unsere Ernährungssicherheit, sondern auch um Umwelt- und Klimafragen.

Seit rund zehn Jahren finden die Gespräche zwischen Kirche und Landwirtschaft im Zusammenhang mit dem Landeserntedankfest statt, diesmal im Brandstall auf dem Gutsgelände in Ferdinandshof. Eingeladen hatten Detlef Kurreck, Präsident des Bauernverbands MV und Tilman Jeremias, Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern der Nordkirche.

Große Dankbarkeit 

In seiner Andacht in der Ferdinandshofer Trinitatiskirche sagte Bischof Jeremias: „Die momentane Krise macht uns deutlich, wie wertvoll die Landwirtschaft und die Arbeit der dort Beschäftigen ist. Unser täglich Brot ist eben keine Selbstverständlichkeit. Am Landeserntedankfest haben wir Gott für seine guten Gaben gedankt. Diese Haltung der Dankbarkeit hält uns über die schöne Feier hinweg wach für die Schöpfung. In jeder Jahreszeit können wir deren Schönheit und Fülle neu bestaunen als Ausweis der lebendigen Kraft Gottes, der Frieden und Gerechtigkeit möchte und nicht Krieg und Zerstörung.“

Landwirte sorgen für volle Supermärkte

„Trotz Ukraine-Krieg und Energiekrise sind die Regale in den deutschen Supermärkten gut gefüllt. Dafür haben auch die Landwirte aus Mecklenburg-Vorpommern gesorgt“, sagte Bauernpräsident Detlef Kurreck zur Begrüßung. „Wir wollen auch künftig Lebensmittel in höchster Qualität produzieren und unsere Verantwortung für den Umwelt- und Klimaschutz tragen. Dafür benötigen wir die Unterstützung von Gesellschaft und Politik. Die Ernährungs- und Versorgungssicherheit in Deutschland und in der Europäischen Union muss wieder stärker in den Fokus gerückt werden.“ 

Reform der Agrarpolitik bringt neue Auflagen 

Die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union stand im Fokus von zwei Fachvorträgen und der anschließenden Gespräche.

Die momentane Krise macht uns deutlich, wie wertvoll die Landwirtschaft und die Arbeit der dort Beschäftigen ist. Bischof Tilman Jeremias

Was mit der GAP-Reform ab 2023 auf die Landwirte in Mecklenburg-Vorpommern zukommt, machte Dr. Martin Piehl, Hauptgeschäftsführer des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern in seinem Vortrag deutlich. Mit den Grundanforderungen an die Betriebsführung und den Standards zum guten landwirtschaftlichen und ökologischen Zustand (GLÖZ) kommen eine Reihe neuer Auflagen auf die Landwirte zu. Nur wer diese Vorgaben erfüllt, hat Anspruch auf die sogenannte Einkommensgrundstützung.  

Prämien für Ökomaßnahmen, aber insgesamt deutliche Kürzungen

Ergänzend zu dieser Basisprämie können sich Landwirtschaftsbetriebe durch ihre Beteiligung an weiteren Ökomaßnahmen wie Blühwiesen, Brachen oder vielfältigen Kulturen Ansprüche auf weitere Prämienzahlungen erwerben. Auch für Junglandwirte und Halter von Mutterkühen, Schafen und Ziegen setzt die neue GAP finanzielle Anreize.

„Wie hoch die Prämienzahlung an einen Landwirtschaftsbetrieb ausfällt, wird also künftig noch stärker von individuellen Voraussetzungen wie der Betriebsgröße, Standortverhältnisse, der Art der Tierhaltung oder dem Alter des Betriebsleiters abhängen“, erklärte Martin Piehl. In der Folge dieses reformierten Fördersystems muss ein durchschnittlicher Landwirtschaftsbetrieb in Mecklenburg-Vorpommern mit rund 100 Euro weniger Prämie pro Hektar rechnen. „Eine Kürzung in dieser Größenordnung gab es in den vergangenen 30 Jahren nicht“, so Piehl. 

Drastisches Schwinden von Höfen

Durch Umschichtungen in die zweite Säule verlieren die für die Landwirtschaftsbetriebe so wichtigen Direktzahlungen deutlich an Einkommenswirksamkeit. Ein Ausgleich durch die freiwilligen Ökoleistungen ist für viele Betriebe, beispielsweise mit intensiv genutztem Grünland, mit Sonderkulturen oder mit Ökoanbau, kaum möglich. Die niedrige Dotierung vieler Ökoleistungen macht sie insgesamt unattraktiv. Im Klartext bedeutet das für die Landwirte: Mehr Vorschriften für weniger Geld. 

Dr. Jan Menkhaus, Referent beim Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) für Landwirtschaft und Ernährung, betonte den sozialen Aspekt: „Wir erleben seit Jahren das Sterben kleiner und mittlerer Betriebe. In den letzten 30 Jahren wurden fast 50 Prozent aller Betriebe geschlossen. Damit ist auch viel Schmerz verbunden.

Klima, Umwelt und auch Familienbetriebe fördern

Beim landwirtschaftlichen Sorgentelefon des KDA höre ich immer wieder Geschichten wie die folgende: Unseren Hof gibt es seit 600 Jahren mit mir in der 10. Generation, und ich muss jetzt entscheiden, ob wir das weitermachen können, weil der Druck immer größer wird. Die neue Gemeinsame Agrarpolitik der EU muss diesen Trend entschleunigen und verstärkt die kleineren Betriebe fördern. Sonst können landwirtschaftliche Familien eben nicht mehr 'in Generationen' denken.“ 

Die neue Gemeinsame Agrarpolitik der EU muss verstärkt die kleineren Betriebe fördern. Jan Menkhaus, KDA 

Deshalb forderte Menkhaus nicht nur eine stärkere Förderung von Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen, sondern auch zum Erhalt der landwirtschaftlichen Familienbetriebe. Damit würden potentielle Hofnachfolger eine Zukunftsperspektive erhalten und es sei ein wichtiger Schritt, um die Ernährung stabil zu sichern, „ohne dabei neue globale Abhängigkeiten zu schaffen.“

Dialog Kirche und Landwirtschaft in MV unverzichtbar

Fazit der Vertreterinnen und Vertreter aus Kirche und Landwirtschaft: „Wir wollen den Austausch über konkrete Strategien und landwirtschaftliche Themen fortsetzen, Probleme diskutieren und gemeinsam nach Lösungen für die ländlichen Raume in Mecklenburg-Vorpommern suchen“, so Bischof Tilman Jeremias. Auch für Bauernverbandspräsident Kurreck ist der Dialog auf Augenhöhe unverzichtbar, denn er „fördert das gegenseitige Verständnis und trägt ebenso dazu bei, die Situation und Nöte der Landwirte in der Öffentlichkeit differenziert zur Sprache zu bringen“. 

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