Porträt

Vom Kreißsaal auf die Kanzel - Hebamme Friederike Arnold macht in Lübeck ihr Vikariat

Friederike Arnold (33) ist Vikarin in Lübeck und ausgebildete Hebamme.
Friederike Arnold (33) ist Vikarin in Lübeck und ausgebildete Hebamme.© Nadine Heggen

16. September 2020 von Nadine Heggen

Rund 300 Babys verhalf Hebamme Friederike Arnold (33) auf die Welt. Dann entschied sie sich für die Pastoren-Laufbahn. Die Vikarin aus Lübeck sieht zwischen der Arbeit im Kreißsaal und in der Kirchengemeinde viele Parallelen. 

Schon als Kind wollte Friederike Arnold Hebamme werden. Nach dem Abitur machte die gebürtige Cloppenburgerin ihre Ausbildung am St. Bernward-Krankenhaus in Hildesheim, wechselte dann an die Berliner Charité. Insgesamt half sie rund 300 Frauen, ihre Babys zur Welt zu bringen. Dabei entdeckte sie ihr Talent zur Seelsorge und sattelte ein Theologie-Studium obendrauf.

Durch Seelsorge zum Theologie-Studium

Seit März ist sie im Gemeindevikariat der Kirchengemeinde Luther-Melanchthon in Lübeck. "Ich kann Menschen in Krisen und Lebensübergängen gut begleiten. Das ist auch Aufgabe der Kirche", sagt die 33-Jährige.

Zwischen Himmel und Hölle hat Friederike Arnold sich als Hebamme oft gefühlt. Das Glück der Frauen, die nach großen Schmerzen unter der Geburt ihr gesundes Baby im Arm hielten. Aber auch die Trauer der Eltern, deren Kinder tot geboren wurden. Schon während ihrer Ausbildung empfand Arnold keine Scheu, Menschen in ihrem Schmerz zu begegnen. Während das Pflegepersonal den Kontakt mit den trauernden Müttern so gut es ging vermied, suchte Arnold das Gespräch.

"Ich habe viele Wunder erlebt"

Besonders beeindruckte Arnold die Begegnung mit einer Frau, die nach einer künstlichen Befruchtung alle vier Kinder verlor und daraufhin eine Depression bekam. Ein paar Jahre später traf Arnold sie im Kreißsaal wieder. Die Frau war doch noch auf natürlichem Wege schwanger geworden und brachte ein gesundes Kind zur Welt. "Ich habe viele Wunder erlebt und gelernt, das Leben zu feiern", sagt die junge Frau.

Gleichzeitig kam sie immer wieder mit dem Glauben in Berührung. In der Berliner Charité erlebte sie, wie kurz nach der Entbindung der Imam zu den muslimischen Frauen kam und die Babys mit dem Glaubensbekenntnis begrüßte. Arnold selbst fühlte sich in ihrer Spiritualität jedoch oft allein. "Mir fehlte eine gemeinsame Sprache und Bildwelt." Arnold merkte, wie wenig sie über ihre christliche Konfession wusste. "Gleichzeitig sah ich, dass Kirche in meiner Sehnsucht nach Gerechtigkeit durchaus etwas bewirken kann."

Nah dran an den Menschen

2011 nahm sie ihr evangelisches Theologie-Studium an der Berliner Humboldt-Universität auf, machte in der Charité weiterhin Vertretungsdienste. Vier Jahre später wechselte sie nach Rostock, machte 2018 ihr kirchliches Examen. Eine sechswöchige Ausbildung in der Klinischen Seelsorgeausbildung im Hamburger Amalie-Sieveking-Krankenhaus brachte sie in Kontakt mit der Nordkirche. "In dieser Zeit bin ich förmlich aufgeblüht. Ich war nah dran an den Menschen, gehörte aber nicht mehr zum medizinischen Personal."

Während der Seelsorgephase ihres Vikariats in Lübeck startete Arnold die Flyer-Aktion "Von der Seele reden". 15 Menschen aus der Umgebung meldeten sich bei ihr. Arnold besuchte jeden und blieb bis zu eineinhalb Stunden. Die Gespräche drehten sich um den Verlust von Angehörigen, um Krankheiten und Ängste der Gemeindemitglieder.

Mit Adrenalin auf die Kanzel

Info: Segnungs-Gottesdienst für Schwangere am 27. September um 17 Uhr im Dom zu Lübeck

Viermal stand Arnold inzwischen auf der Kanzel der Lübecker Lutherkirche. Anschließend fühlte sie sich jedes Mal ein bisschen wie nach einer gelungenen Geburt. "Das liegt sicher am Adrenalin." Und daran, dass Arnold ihre Gottesdienste gern kreativ gestaltet. Ihr Credo: Eine gute Predigt sollte sich am Alltag der Menschen orientieren und auch mal politisch sein. Und niemals länger als sieben Minuten dauern. Am 27. September ist im Lübecker Dom um 17 Uhr ein mutmachender Gottesdienst für Schwangere geplant, an dem auch Friederike Arnold mitwirkt.

Wie es nach dem Vikariat weitergeht, weiß sie noch nicht. Ihren Lebensweg plane sie eher kurzfristig. "Ich vertraue darauf, dass ich einen Ruf höre. Wenn ich dem folge, gibt es keine falsche Entscheidung."

 

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